50 Jahre II. Vatikanisches Konzil

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Das Konzil hat die Orden aufgefordert, zu ihren Quellen zurückzukehren. Der CCFMC ist eine Frucht dieser Verpflichtung. Tausende von Schwestern und Brüdern der Franziskanischen Familie in aller Welt haben in einem interkulturellen Dialog zusammengetragen, was die franziskanische Spiritualität für unsere Zeit zu sagen hat. Fünfzig Jahre nach dem Beginn des Konzils wollen wir an Beispielen zeigen, wie hochaktuell und brisant das heute ist.

 
 

Januar 2012

Erinnerung und Verpflichtung

Für viele klang es wie eine Befreiung, für andere wie eine Bedrohung: „Macht die Fenster der Kirche weit auf!“ Mit diesen Worten kündigte Papst Johannes XXIII. am 25. Januar 1959 in der römischen Basilika Sankt Paul vor den Mauern ein „Ökumenisches Konzil für die Gesamtkirche“ an. Er forderte eine Sensation: ein „aggiornamento“, eine Wiederannäherung der Kirche an die Erfordernisse der Zeit.

Trotz aller Bedenken und Widerstände konnte das Konzil im Oktober 1962 eröffnet werden. Die dreijährige Kirchenversammlung machte wirklich Geschichte und führte zu atemberaubenden Veränderungen: eine tief greifende liturgische Erneuerung, ein neues Kirchenverständnis als Volk Gottes, die Hinwendung zu den Sorgen und Nöten der Menschen, sowie das Bewusstwerden von Weltkirche und eine ökumenische Öffnung ohne Vorbild usw. Da war wahrlich das Wehen des Heiligen Geistes spürbar. Ein neuer Frühling stand an. Doch leider nur von kurzer Dauer.

Schon auf dem Konzil wurde heftig gestritten zwischen den Bewahrern und den Erneuerern. Das Thema „Kirche der Armen“, das von vielen Bischöfen aus den Kontinenten des Südens, aber auch von den Initiatoren und Förderern der Arbeiterpriester in Frankreich zum Dauerthema gemacht wurde, fand dann doch keine Mehrheit. Die Befürworter mussten erkennen, dass viele der Brüder Bischöfe „von der Gnade der Liebe zur Armut noch nicht so erfasst wurden“, wie Dom Helder Camara das ausdrückte. Schon bald nach dem Konzil begann eine heftige und teilweise erbitterte Auseinandersetzung über die (Be)Deutung der Konzilsdokumente.

Für die Traditionalisten und die Bewahrer in bürgerlichen Kreisen war das Konzil ein Bruch mit der festgefügten und unabänderlichen Kirche der vorangegangenen Konzile (Trient und Vatikanum I); für die Reformer ging es jedoch genau darum, die Tradition im Kern zu retten, indem man sie von der Gegenwart her neu erschließt. Es gibt keine in Stein gemeißelte zeitlose Wahrheit; sie ist immer zeitgebunden an kulturelle und sprachliche Ausdrucksmittel, die ständig im Wandel sind. Und deshalb muss die Kirche ihre Wahrheit immer neu sagen, wenn sie für die jeweiligen Zeitgenossen verständlich sein soll.

Das ist zumindest der lateinamerikanischen Kirche in ihren Bischofsver-sammlungen in Medellín 1968 und Puebla 1979 gelungen. Sie brachten die unmenschliche Armut und Unterdrückung der Mehrheit ihrer Völker mit der biblischen Befreiungsbotschaft in Verbindung und zogen daraus die einzig mögliche Konsequenz, eine „Option für die Armen“. Eine neue Art von Kirche entstand: die befreiende Kirche der Armen. Die Basisgemeinden waren der Ort, wo das arme Volk zum selbsthandelnden Subjekt wurde. Die daraus entstandene Theologie der Befreiung wurde zum Markenzeichen dieser Kirche. So ist Leonardo Boff sicher recht zu geben, wenn er sagt: „Offensichtlich sind nirgendwo in der christlichen Welt die Lehraussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils ernsthafter aufgenommen worden und mit größerer Kraft und Kreativität in die Praxis umgesetzt worden als in der Dritten Welt und bei den unterdrückten Minderheiten überall in der Welt.“ (L. Boff, Concilium, 24, 1988).

Der CCFMC ist eine Frucht des Konzils. Tausende von Schwestern und Brüdern der Franziskanischen Familie haben die Verpflichtung des Konzils ernst genommen, die franziskanischen Quellen im Lichte des Konzils und der Zeichen der Zeit neu zu lesen und die Bedeutung ihrer Theologie für unsere Zeit wieder zu entdecken. In einem langen interkulturellen Dialog haben sie die heutigen Herausforderungen in eine franziskanische Lesart gebracht. Dabei haben sie festgestellt, dass die wesentlichen franziskanischen Optionen mit wichtigen Dokumenten des Konzils konvergent sind, wie z.B. Kirche der Armen, Volk Gottes als geschwisterliche und dienende Kirche, die Schöpfung als Urelement der Offenbarung Gottes, Gerechtigkeit und Frieden, Bewahrung der Schöpfung. Es sollte uns deshalb ein Herzensanliegen sein, die Erinnerung an 50 Jahre Konzil als Chance zu nutzen, uns mit diesen Themen ernsthaft auseinander zu setzen. Wir werden dazu in diesem Jahr in unseren News Anregungen geben, mit denen wir persönlich und in Gemeinschaft dem Geist des Konzils wieder auf die Spur kommen können.

Andreas Müller OFM

Das Volk Gottes auf dem Zweiten Vatikanum -

eine Vision der Menschheit im Sinn des hl. Franziskus

Prof. Dr. Elmar Klinger

"Das Nein zu den bestehenden Formen der Kirche, das also, was man heute prophetischen Protest nennen würde, konnte nicht radikaler sein, als es bei Franziskus war." J. Ratzinger, der jetzige Papst, trifft diese Feststellung zu Recht und sie ist bis heute gültig.

Denn Franziskus tritt kraft seiner Berufung durch Gott selber in der Kirche auf. Er setzt sich in ihr trotz vieler Widerstände durch. Er macht die soziale Frage zum großen Thema; denn er sieht in den Armen Christus selber – für das Mittelalter mit seiner Ständeordnung und für jede Gesellschaft überhaupt eine Revolution. Dieser Perspektivenwechsel kirchlicher Arbeit meint nicht nur die gesellschaftliche Ordnung, sodass man sich auf sozialpolitische Fragen beschränken könnte, sondern ist der grundlegende Ansatz einer jeden Betrachtung des Übernatürlichen als solchem. Er betrifft die Kirche als Kirche und die Theologie als Theologie. Er gehört zu den Inhalten die Offenbarung als Offenbarung. Denn es heißt ja bei Jesus: Was ihr dem Geringsten meiner Brüder (und Schwestern) tut, das habt ihr mir getan. Die soziale Frage betrifft die gesellschaftliche Ordnung und den Glauben an Gott im Gebot der Nächstenliebe, die die gesellschaftlichen Verhältnisse oft strukturell in Frage stellt. Sie erstreckt sich auf alle Bereiche des menschlichen Zusammenlebens. Sie betrifft die Ordnung im Verhältnis von Mann und Frau, Eltern und Kindern, Vorgesetzten und Untergebenen, Einheimischen und Fremden, Besitzenden und Besitzlosen. In all diesen Konstellationen stecken unabsehbar viele Probleme. Ihre Lösung besteht nicht im Trost auf das Jenseits und ist auch kein höchstes Ideal, das niemand erreicht, sondern die Herausforderung im Diesseits, die sowohl den Staat wie die Kirche angeht. Die Kirche jedoch vor allem; denn sie gibt die Offenbarung selber weiter. Sie steht für Erlösung und Befreiung. Bei Franziskus ist die soziale Frage eine Schlüsselfrage der Mission. Man soll in den Dienst der Muslime treten,um fähig zu sein, mit ihnen von Christus überhaupt zu reden.

Das Zweite Vatikanum fordert von allen Ordensgemeinschaften eine Rückkehr zu den eigenen Quellen. Trifft es zu, was J. Ratzinger, der heutige Papst, über Franziskus und seine prophetische Kritik an den Formen der Kirche gesagt hat – und es trifft in eminenter Weise zu –, dann bedeutet die Rückkehr zu Franziskus eine Nachfolge in seiner Verbundenheit mit der Kirche, einer Nachfolge in Solidarität aus der Kraft prophetischer Kritik. Der Schritt von einer traditionellen Mitarbeit zur Mitarbeit aus dem Geist der eigenen Quellen und ihrer Spiritualität ist schwierig, aber kann der franziskanischen Gemeinschaft nach dem Zweiten Vatikanum umso leichter fallen, weil dieses Konzil auf den Spuren des hl. Franziskus wandelt und seine Standpunkte auch seinerseits vertritt. Mario von Galli nannte Franziskus "das heimliche Thema des Konzils".

Dadurch findet sich die franziskanische Gemeinschaft bestätigt und kann aus der Kraft ihrer eigenen Spiritualität einen Beitrag zur Durchsetzung des Konzils und damit zur Erneuerung der Kirche als Kirche leisten. Sie beschreitet dabei keinen Sonderweg; denn ihr Weg ist exemplarisch. Er ist unbeschadet gesellschaftlicher Unterschiede ein Weg der Christen und alle Menschen überhaupt.

Die Übereinstimmung mit dem Konzil kann man an vielen Stellen mit Händen greifen, kommt aber nirgendwo deutlicher zum Ausdruck als im Schlüsselbegriff der Ekklesiologie des Zweiten Vatikanum – dem Volk Gottes.

Denn in ihm ist die soziale Frage das zentrale Thema von Kirche als Kirche. Gott nämlich wollte die Menschen „nicht einzeln, unabhängig von aller wechselseitigen Verbindung“ retten, sondern hat sie zu einem Volk gemacht "das ihn in Wahrheit anerkennen und ihm in Heiligkeit dienen soll", heißt es am Beginn von Kap. 2 von Lumen gentium über das Volk Gottes. Der Herr dieses Volkes ist Gott selber. Er allein beruft die Menschen, alle Menschen insgesamt, dieses Volk zu bilden. Er will, dass sie mit ihm und unter sich Gemeinschaft haben. Sie sind nämlich ein Volk der Gottes- und der Nächstenliebe, das Volk des Reiches Gottes. Höhepunkt seiner Geschichte dieses ist Christus selber Er macht es zum messianischen Volk, das nur einem Gesetz folgt, dem Gesetz der Liebe.

Dieses neue Volk umfasst zwar oft nur wenige Mitglieder. Es ist dann eine kleine Herde. Aber es ist die unzerstörbare Keimzelle der Einheit, der Hoffnung und des Heils für alle Menschen. Von Christus als Gemeinschaft des Lebens, der Liebe und der Wahrheit gestiftet, wird es zum Werkzeug der Erlösung angenommen und als Licht der Welt und Salz der Erde in alle Welt gesandt.

Man darf die Mitgliedschaft im Volk Gottes daher keineswegs auf die Getauften beschränken. Die Menschen sind alle von Anfang an zu ihm berufen. Fundament und Richtschnur aller Mitgliedschaft in ihm ist diese Berufung. Das Konzil macht im Kapitel 2 von Lumen gentium unter dem Begriff des Volkes Gottes daher alle Menschen zum Thema. Die Kirche ist das messianische Volk, Zeichen der ganzen Menschheit, sofern sie eine Gemeinschaft in Christus bildet.

Dieser Universalität ist die franziskanische Gemeinschaft verpflichtet. Sie leistet ihren Dienst an allen Menschen und schließt niemand davon aus. Jeder kann und muss in ihm zum Thema werden – Mann und Frau, Reich und Arm, Alt und Jung. Sie sind alle das Volk Gottes, das zur Gemeinschaft in Christus findet. Daher soll man dieses Volk nicht idealistisch missverstehen. Exemplarisch sind die Armen. Sie stehen für alle Menschen der Erde. Volk Gottes ist daher keine bloße Idee, die über allem schwebt und sich nirgendwo realisiert. Es fördert keinen Untertanengeist, sondern will die Erlösung und Befreiung aller. Den Realismus im Umgang mit diesem Grundlagenbegriff von Kirche als Kirche einzuklagen, ist angesichts verbreiteter Irrtümer und Verfälschungen unverzichtbar und eine notwendige Aufgabe der franziskanischen Gemeinschaft.

Denn Franziskus war jeder Idealismus fremd. Er wendet sich an alle Menschen, weil Christus zu allen Menschen gesandt ist. Die Getauften können sich nur auf ihn berufen, wenn sie ihm darin folgen und eine Gemeinschaft aller Menschen bilden – das Volk Gottes in Christus.

Diesen messianischen Geist zu leben und sich entfalten zu lassen ist die ganz zentrale Aufgabe des Franziskanertums. Er ist der Kern seiner Spiritualität.

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Februar 2012

Die Aktualität der franziskanischen Idee

50 Jahre 2. Vatikanisches Konzil und die franziskanische Idee. Das war das Leitthema in den Januar News. Es soll uns das ganze Jahr über beschäftigen, weil wir mit gutem Grund sagen können, ja sagen müssen, dass wesentliche Beschlüsse und Dokumente des Konzils mit Grundanliegen der franziskanischen Spiritualität korrespondieren.

Wir leben heute in einer Zeitenwende, deren Dimensionen zwar geahnt, in ihren Auswirkungen aber noch nicht erkannt und ernst genommen werden. Wir kennen zwar das gigantische Gefälle zwischen Arm und Reich, wir beklagen die ungleiche Verteilung der Güter und der Macht auf unserer Mutter Erde und wundern uns dann über Terror und Kriege. Wir staunen über den arabischen Frühling, müssen dann aber ohnmächtig zuschauen, dass die Völkergemeinschaft der UNO den Krieg eines Mitglieds gegen das eigene Volk nicht stoppen kann. Wir erleben apokalyptische Zeichen der Umweltzerstörung, denken aber nicht daran, unseren Lebensstil zu ändern. Es fehlen politische Visionen, die eine Wende zum Besseren signalisieren. Wende hat etwas mit Bekehrung und Neuorientierung zu tun. Was wir also brauchen, sind prophetische Leitfiguren, die uns Auswege zeigen.

Franziskus und Klara sind solche Gestalten, an denen wir uns orientieren können. Sie lebten in einer ähnlichen Wendezeit. Das Handeln von Staat und Kirche war von Interessen geprägt, die nichts mit dem Geist des Evangeliums zu tun hatten. Sie waren verstrickt in Machtkämpfe, Kreuzzüge und Kriege. Die Armen kamen nicht in den Blick. Der demütige Gott, der in Jesus von Nazareth herabsteigt in die Niederungen unseres irdischen Lebens und dabei eine eindeutige Vorliebe für die Armen offenbart, wurde durch Franziskus und Klara wieder in Erinnerung gebracht. Ihnen war alles Herrschaftliche fremd. In ihren Gemeinschaften lebten sie eine geschwisterliche Form der Kirche, die zur hierarchischen Struktur der damaligen Zeit in deutlichem Widerspruch stand.

Beseelt von der Liebe Jesu geht den beiden eine neue Welt auf, die Welt der Nächstenliebe. Ihre bisherige Welt bricht zusammen, die Welt, in der es oben und unten, Hochgestellte und Erniedrigte, Herren und Knechte gibt. Aus dieser Welt, in der Besitzstände das Sozialprestige bestimmen, steigen sie aus. Sie erkennen, dass dies nicht die Welt sein kann, wie Gott sie geschaffen hat. Sie entdecken das Evangelium als Alternative. Eine versöhnte Welt, in der der Wert des Menschen nicht von Leistung und Verdienst abhängt. In der wir einfach Gebrauch machen dürfen vom Reichtum Gottes in der Schöpfung und in der Welt. Für alle gäbe es genug, wenn wir nur teilen würden und statt der geballten Faust die offene Hand zum Leitbild unseres sozialen wie persönlichen Lebens machten. Das ist der Weg zum Frieden, das ist die Welt, in der die Biotope der Kriege und des Terrors austrocknen. Ein ungeheurer schwieriger und langwieriger Weg. Doch es gibt keinen anderen Weg, wenn wir wirklich eine bessere Welt in Frieden und Gerechtigkeit wollen. Was also Not tut, ist eine neue Kultur des Teilens.

Wie Franziskus in seinem Sonnengesang die geschwisterliche Einheit aller Geschöpfe besungen und uns daran erinnert hat, dass wir nicht die Herren der Schöpfung sind, sondern Mitgeschöpfe, so müssen auch wir wieder lernen, den zerstörerischen Umgang mit der Schöpfung zu beenden. Also Wiederentdeckung der Einheit von Gott, Mensch und Natur als Paradigma einer franziskanischen Schöpfungsspiritualität.

Das Nebeneinander der unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Wertvorstellungen in der einen Welt wird zu einem der großen Probleme unserer Zeit. Ein friedliches Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft kann nur gelingen, wenn wir in einen aufrichtigen Dialog der Kulturen und Religionen eintreten und dem grundsätzlich friedensstiftenden Charakter der Religionen wieder auf die Spur kommen.

Das sind einige der wichtigen Problemfelder und Herausforderungen, die wir im Laufe des Jahres ansprechen und vertiefen werden. Für alle, die Franziskus und Klara zu ihren Leitbildern machen, sollte das in diesem Jahr ein vorrangiges Anliegen sein. Denn die beiden Gründerfiguren der franziskanischen Bewegung sind auch verborgene Leitfiguren des Konzils.

Andreas Müller OFM

Der Atheismus und Franz von Assisi

Zur Pastoralkonstitution „Freude und Hoffnung" des 2. Vatikanischen Konzils, Nummer 19
Anton Rotzetter, Kapuziner
>Der Atheismus gehört, wie das 2. Vatikanische Konzil sagt, „zu den ernstestenAnton2 Gegebenheiten dieser Zeit“, er sei sogar zu den „Zeichen der Zeit“ zu zählen. Mit anderen Worten: Was als Atheismus erscheint, ist genau zu untersuchen. Man muss sich fragen, >b Gott uns vielleicht nicht sogar auch unter dieser Gestalt entgegen-kommt. Jedenfalls fordert uns das Konzil auf, den Atheismus „aufs sorgfältigste zu prüfen“. Der Text fährt dann fort:

„Der Atheismus entsteht … nicht selten aus dem heftigen Protest gegen das Übel in der Welt oder aus der unberechtigten Übertragung des Begriffs des Absoluten auf gewisse menschliche Werte, so dass diese an Stelle Gottes treten. … Der Atheismus, allseitig betrachtet, ist nicht eine ursprüngliche und eigenständige Erscheinung; er entsteht vielmehr aus verschiedenen Ursachen, zu denen auch die kritische Reaktion gegen die Religionen, und zwar in einigen Ländern vor allem gegen die christliche Religion, zählt. Deshalb können an dieser Entstehung des Atheismus die Gläubigen einen erheblichen Anteil haben, insofern man sagen muss, dass sie durch Vernachlässigung der Glaubenserziehung, durch missverständliche Darstellung der Lehre oder auch durch die Mängel ihres religiösen, sittlichen und gesellschaftlichen Lebens das wahre Antlitz Gottes und der Religion eher verhüllen als offenbaren.“

Das ist Klartext! Der Atheismus ist nicht zuletzt auch eine Reaktion auf das ungenügende Gotteszeugnis der Religionen, vor allem auch des Christentums. Man spricht deshalb auch vom „praktischen Atheismus“: da kann man noch so oft den Namen Gottes im Munde führen, was die biblische Religion ja ausdrücklich verbietet: wenn man aber so lebt und handelt, als gäbe es Gott nicht, dann ist das praktischer Atheismus. Gott ist Tat, Veränderung, bedingungslose Zuwendung. Und er hat keine anderen Hände als jene, die an ihn glauben. Man spricht auch vom „ekklesialen Atheismus“: eine Kirche, die sich selbst in den Mittelpunkt stellt, sich selbst als Gegenstand verkündet und durchsetzt, nicht in allem über sich hinausweist, ist eine „atheistische Kirche“. Wenn sie ihre Brüche und Widersprüche nicht erkennt und diese immer nur den einzelnen Gläubigen anlastet, nie aber sich selbst, gibt sie sich atheistisch. Sie darf zum Beispiel nicht sagen, dass sie immer schon gesagt habe, dass die anderen Religionen „Wege zum Heil“ sind, weil das eine glatte und bewusste Lüge ist. Man kann Dogmen nicht durch Interpretation ins Gegenteil verkehren und dann behaupten, dass das heute Gesagte bereits auch schon im früheren Wortlaut gemeint war. Auch die Art und Weise, wie man neuerdings an höchster Stelle das 2. Vatika-nische Konzil interpretiert, vertritt ein Geschichtsverständnis, das die Wahrheit verhöhnt. Ebenso beweist die absolute Gewissheit, mit der höchste Amtsträger die jetzige Kirchengestalt direkt auf Jesus zurückführen und als unumstößlich geoffenbarte Wahrheit ausgeben, eine Selbstvergottung, die zu Recht den heftigsten Widerspruch hervorrufen muss. Hinzu kommen die Kreuzzüge, die Konfessionskriege, die Inquisition, die gewaltsame Missionierung, die Durchsetzung der päpstlichen Macht, die Intrigen, die Unterdrückung der anderen Meinung, die Missachtung der Menschenrechte in der Kirche, die Vernichtung der befreiungstheologischen Initiativen und Bewegungen, die verfehlte Sexualmoral, die Missbrauchsfälle usw. Die Kirche hat ein selbstverschuldetes Glaubwürdigkeitsproblem: sie verdunkelt das Antlitz Gottes, nicht nur in ihren Gliedern, den einzelnen Gläubigen, sondern als Institution und in ihrem amtlichen Verhalten. Wenn das „Gott“ bedeuten soll, dann hat der Atheismus Recht, sagen sich viele. Und die meisten wenden sich einem konfusen oder esoterischen Gottesbild zu. Zwischen 1990 und 2009 haben allein in Deutschland weit über 2 ½ Millionen Menschen die katholische Kirche verlassen.

Das Konzil beginnt die Nummer 19 der Konstitution „Freude und Hoffnung“ mit einer hervorragenden Feststellung:

„Ein besonderer Wesenszug der Würde des Menschen liegt in seiner Berufung zur Gemeinschaft mit Gott. Zum Dialog mit Gott ist der Mensch schon von seinem Ursprung her aufgerufen: er existiert nämlich nur, weil er, von Gott aus Liebe geschaffen, immer aus Liebe erhalten wird; und er lebt nicht voll gemäß der Wahrheit, wenn er diese Liebe nicht frei anerkennt und sich seinem Schöpfer anheimgibt“.

Diese Würde des Menschen leuchtet uns aus Franz von Assisi entgegen. In ihm zeigt sich, wie das Bekenntnis zu Gott in Wirklichkeit aussehen kann. Der Maler Giotto hat dies in der Oberkirche von Assisi auf einmalige Weise zum Ausdruck gebracht. Da ist die Kirche am Zusammenstürzen (damals auch!), Franziskus stemmt seine rechte Schulter unter das „Gebäude“, tanzend und frohgemut, mit erstaunlicher Leichtigkeit, ja äußerster Gelassenheit verhindert er den Zusammenbruch. Seine Augen sehen über den Bildrahmen, also über die konkrete, beschreibbare Wirklichkeit hinaus. Wenn man seinem Blick folgt, stößt man in einem anderen Bild auf Abraham, der in der irdischen Wirklichkeit kein einziges Indiz hatte, das ihm die Zuwendung Gottes bewies. Nicht die eigene Kraft, nicht die Selbstvergottung ist es, was die Kirche rettet, sondern allein der vorbehaltlose Glaube. Franziskus setzte alles auf die Karte des Gottes, der sich in Jesus von Nazareth als Liebe und Güte vergegenwärtigte. Klara folgte ihm, weil er vom „guten Jesus“ erzählte. Unter den Eigenschaften Gottes hebt er bei jeder sich ihm bietenden Gelegenheit die Güte Gottes hervor, litaneiartig, hymnisch, ekstatisch. Gott ist der „allein Gute.“

Franziskus zeigt seine Gotteserfahrung unter anderem in einem Wort, das ihm und anderen als Motivation für ein entsprechendes Handeln dienen sollte: „per amorem caritatis – aus Liebe zur Liebe, mit der wir geliebt sind“ (BrOrd 31), sollen wir dies oder jenes tun. Unzählig sind die Anekdoten aus dem Leben des Franziskus, in denen dieser Satz vorkommt, um das Handeln zu begründen. Er empfiehlt den Menschen, Gottes Liebe zu empfangen, in sich zu  tragen und zu „gebären in einem heiligen Wirken, das anderen zum Vorbild werden soll“ (BrGl 53). Der Gottglaube wird allein durch die Tat verifiziert, Gott wird nur durch das Handeln in die Welt hinein “geboren“.

Noch viel grundsätzlicher erscheint sein Gottglaube im „Fest der Feste“, wie Franziskus Weihnachten nennt. Hier feiert er die bleibende Solidarität Gottes mit allen Wesen, die „in der Not sind“, die völlige Verausgabung der Liebe in die irdischen Bedingungen hinein. Gott und Mensch, Gott und die Armen, Gott und die Tiere dürfen nicht mehr gegeneinander ausgespielt werden. Unmittelbar nach dem „Fest der Feste“ will er sich darum an den Kaiser wenden, um Gesetze zu erwirken, die den Armen und den Tieren zu ihrem göttlichen Recht verhelfen. Gott und Welt gehören zusammen.

Der CCFMC will sich mit seinen Programmen in den Dienst eines Gottes stellen, der dem Atheismus den Wind aus den Segeln nimmt.

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März 2012

Das Panorama der multireligiösen Realität

Die Geschichte der Religionen ist so alt wie die Geschichte der Menschheit. Religionen sind ein Reflex der Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen. Immer schon machte Gott sich auf, um die Menschen zu suchen. Und die Menschen ihrerseits versuchten, je nach Einsicht und Verständnis darauf Antwort zu geben. Das ist der Ursprung der vielen Religionen, nebeneinander und miteinander. „In alten Zeiten gab es zwischen diesen Religionen kaum eine Konfrontation auf der Ebene der Lehre. Anders war das freilich in der katholischen Kirche. Sie verstand sich selbst als den einzigen und wahren Weg zum Heil. Dieses Selbstverständnis beherrschte ihre Haltung und ihre Beziehung gegenüber anderen Religionen. Daher glaubte sie auch, dass die Anhänger anderer Religionen nur durch Bekehrung zum Christentum gerettet werden könnten. Deshalb war die Bekehrung das vorrangige Ziel der christlichen Mission. Aber mit der Zeit erhoben auch andere Weltreligionen den Anspruch, für das Heil der ganzen Welt verantwortlich zu sein. Daraus ergab sich eine wachsende Konfrontation.“ (CCFMC, LB 15, A)
„In alten Zeiten gab es zwischen diesen Religionen kaum eine Konfrontation auf der Ebene der Lehre. Anders war das freilich in der katholischen Kirche. Sie verstand sich selbst als den einzigen und wahren Weg zum Heil. Dieses Selbstverständnis beherrschte ihre Haltung und ihre Beziehung gegenüber anderen Religionen. Daher glaubte sie auch, dass die Anhänger anderer Religionen nur durch Bekehrung zum Christentum gerettet werden könnten. Deshalb war die Bekehrung das vorrangige Ziel der christlichen Mission. Aber mit der Zeit erhoben auch andere Weltreligionen den Anspruch, für das Heil der ganzen Welt verantwortlich zu sein. Daraus ergab sich eine wachsende Konfrontation." (CCFMC, LB 15, A)

Einen ersten Versuch, diese Spannungen abzubauen, gab es 1892 in Chicago beim „Weltparlament der Religionen". Dort versuchten Vertreter aller Religionen, „ein gegenseitiges Verständnis zu fördern und den Geist der Partnerschaft unter den Weltreligionen zu pflegen." Es war zumindest der Anfang eines interreligiösen Dialogs.

Einen weiteren Schub brachte das Zweite Vatikanische Konzil, indem es die anderen Religionen als legitime Heilswege anerkannte und damit die Tür öffnete für einen Dialog mit den führenden Weltreligionen. In ihrem neuverstandenen Verhältnis zu anderen Religionen sprach die Kirche nun von „Spuren des Wirkens des Heiligen Geistes auch in anderen Religionen". In der Menschwerdung Gottes entdeckte man grundsätzlich, wie sich Gott zur Menschheit verhält, und zog daraus neue Schlüsse für das Verhältnis der Religionen untereinander. Wie es zu dieser durchaus überraschenden Wende im Denken und Handeln der Kirche kam, zeigt uns der nachfolgende Beitrag zur Erinnerung an den Beginn des II. Vatikanischen Konzils von Jan Hoeberichts. Franziskus spielte dabei eine wesentliche Rolle.

Wir müssen akzeptieren, dass es die vielen Religionen gibt, und dass alle ihre eigene Weltanschauung haben. Und wir müssen davon ausgehen, „dass die Vielheit der Religionen nicht ein bedauerlicher ‚Unfall' in Gottes Schöpfung ist. Wie auch in der übrigen Schöpfung erst die Komplexität und Vielheit die Schönheit ermöglicht, so ist auch die Vielheit der Religionen der eigentliche Zugang zur Wahrheit im Heilsplan Gottes." (H. Schalück OFM) Alle Religionen können also aus ihrem Selbstverständnis heraus einen Baustein in das Mosaik der vollen Wahrheit einfügen. Auf diese Weise kann Gemeinsames wachsen aus der Erkenntnis, dass alle Religionen mit ihrem Reichtum und mit ihren Schwächen und Unzulänglichkeiten Wege sind, dem Unendlichen zu begegnen, und dass alle auf dem Wege sind, um Menschen zu helfen, dass deren Gottesdienst jeweils auch zum Dienst am Menschen wird. Das ist der beste Weg, um zu einem besseren Verständnis der Religionen untereinander zu kommen.

Sie alle wollen Antworten geben auf die Sinnfragen des menschlichen Lebens, aller-dings mit unterschiedlicher Eindeutigkeit. „Im Judentum, Christentum und Islam, sowie im Buddhismus ist der Anspruch auf letztgültige Wahrheit gegeben. Während im Konfuzianismus die Ahnen als oberste Instanz für das Verhalten und Gelingen der Gemeinschaft gelten, ist es in der jüdisch-christlichen Tradition ein als Person begriffener Gott, sind im Hinduismus einzelne Götter und im Buddhismus die Suche nach dem Einswerden mit dem Kosmos, in den die menschliche Existenz und die menschliche Gemeinschaft eingebettet sind." (O. Noggler OFM Cap)

Wenn Menschen sich in dieser Weise begegnen und sich als Geschöpfe des erhabenen Gottes erfahren, wenn sie sich ihrer Verantwortung vor diesem erhabenen Gott bewusst sind, dem sie zwar unterschiedliche Namen geben oder den sie aus Ehrfurcht und Weisheit gar nicht nennen, werden sie sich nicht mehr gegenseitig töten, sondern zum friedlichen Miteinander bereit sein. Das bleibende Vorbild für diese Haltung ist Franziskus. Seine Begegnung mit dem Sultan ist bis heute ein gültiges Modell eines ehrfürchtigen Dialogs zwischen Gläubigen verschiedener Herkunft.

Andreas Müller OFM


Franziskus und die Erklärung des II. Vatikanum ‚Nostra aetate'

Jan Hoeberichts, Holland

Nach Jahrhunderten der Feindschaft und Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen zeigt die Erklärung Nostra aetate vom 28. Oktober 1965 ein überraschend positives Bild des Islam: Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. (...) Sie mühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft. Jesus, den sie allerdings nicht als Gott anerkennen, verehren sie doch als Propheten, und sie ehren seine jungfräuliche Mutter Maria (...) Überdies erwarten sie den Tag des Gerichtes. (...) Deshalb legen sie Wert auf sittliche Lebensführung und verehren Gott besonders durch Gebet, Almosen und Fasten (3).

Wie kam es zu dieser doch dramatischen Wende? Zuerst müssen wir uns daran erinnern, dass auf dem Vatikanum II viele Bischöfe afrikanischer und asiatischer Kirchen anwesend waren. In ihren Diözesen waren sie tagtäglich mit Menschen verschiedener Glaubensrichtungen konfrontiert, die schon vor dem Kommen Christi Millionen zu einem aufrichtigen Leben inspiriert hatten. Diese Bischöfe konnten nicht gut nach Hause kommen, ohne dass das Konzil eine Antwort gegeben hätte auf ihr Problem, nämlich im Lichte des universalen Heilswillens Gottes an den Wert dieser verschiedenen Arten der Gottesverehrung zu glauben. Sind diese Menschen von Gott gerettet trotz oder wegen der treuen Befolgung ihrer Religion?

Ein zweiter Grund, der sich besonders auf das Lob des Islam bezieht, ist der Einfluss von Louis Massignon, einem Kenner der arabischen Sprache und Geschichte und Islamwissenschaftler (1883 – 1962). Er hatte eine große Liebe zu Franziskus und bewunderte dessen friedfertige Annäherung an den Islam. 1931 wurde er Mitglied des Dritten Ordens des heiligen Franziskus und nahm den Namen Ibrahim (Abraham) an, dem Vater der drei abrahamitischen Religionen. Massignon war ein guter Freund von Kardinal Montini, der als Papst Paul VI. die Deklaration Nostra aetate herausgab, die viele Einsichten in den Islam einschloss, die Massignon lieb und wichtig waren. „Auf diese Weise sorgte Massignon in der Beziehung zwischen Christen und Muslimen für einen Wechsel von einer sterilen und zerstörerischen Konfrontation zu einem fruchtbaren Dialog und zu einer Kooperation im Dienst vor dem einen Gott und der ganzen Menschheit" (Christian Troll).

Diese positive Veränderung wäre sicher auch von Franziskus begrüßt worden. Wir können aber auch vermuten, was passiert wäre, wenn die Kirche früher aufgewacht wäre und wenn sie die Friedensmission des Franziskus beim Sultan als allgemeine Kirchenpolitik angenommen hätte. Unglücklicherweise hatte Franziskus keinen Freund in der Kurie, der sich mit diesem Ideal des Friedens angefreundet hätte. Im Gegenteil, Papst Gregor IX., der in seiner Zeit als Kardinal Hugolin Protektor des Ordens war und sich selbst als einen Freund von Franziskus bezeichnete, war tief in die Vorbereitung eines neuen Kreuzzuges verstrickt. Auch bestimmte er die ersten Brüder als Kreuzzugsprediger: eine Politik, der sich die Führer des Ordens, wie Bonaventura, nicht in den Weg stellten.

Was waren die Motive, die Franziskus zu einer so unterschiedlichen Herangehensweise bestimmten? Er hatte als junger Mann im Krieg Assisis gegen Perugia gekämpft und war gefangen genommen worden. Nach einem Jahr in einem Kerker im Kellerverlies kehrte er nach Assisi zurück, physisch gebrochen und völlig depressiv. Nach vielem Nachdenken war bei ihm die Einsicht gewachsen, dass die häufigen Kriege in seiner Welt mit dem Wunsch nach Macht und Besitz zu tun hatten. Assisi wollte größer, reicher und mächtiger sein als Perugia. Und genauso verhielt es sich auch in den immer wieder aufbrechenden Kämpfen zwischen Papst und Kaiser. In diesem Konflikt zählten Menschenleben nicht. Franziskus' Sicht der Gesellschaft seiner Zeit war geprägt von seinen Erfahrungen, als er selber unter den Aussätzigen gelebt hatte. Wie kann eine Stadt so viel Geld ausgeben, um Waffen zu kaufen, ihre Mauern zu befestigen und ihre Kriege zu führen, und gleichzeitig ihre Leprosen so inhuman behandeln, indem sie diese lebendig begräbt in einem Leprosenheim außerhalb der Stadt? Franziskus wollte nicht länger Teil einer solchen gewalttätigen Gesellschaft sein. Er entschloss sich, „die Welt zu verlassen".

Diese Gedanken hatten Herz und Verstand von Franziskus dafür aufnahmefähig gemacht, bekannte Texte des Evangeliums neu und auf eine herausfordernde Weise zu hören. So auch eines Tages als er die Geschichte hörte, wie Jesus seine Jünger zu einer Friedensmission aussandte (Lk 10). Er spürte, dass Jesus ihn persönlich ansprach, dasselbe zu tun. Und als Gott ihm Brüder gegeben hatte, schrieb er: Die Brüder sollen durch die Welt ziehen ohne Eigentum und ohne Stock, um dieses zu verteidigen. Sobald sie ein Haus, ein Leprosenheim oder ein Spital, ein Bauernhaus oder eine Werkstadt betreten, sollten sie als Erstes den Menschen Frieden wünschen, nicht nur durch Worte, sondern indem sie diesen ihre Dienste anbieten. Und am Ende des Tages, sollten sie mit ihnen zu Tisch sitzen und essen und trinken, was ihnen vorgesetzt würde; so sollten sie mit diesen eine Tischgemeinschaft bilden als Krönung ihres ersten Friedenswunsches (vgl. RegNB, 14.1-3).

Im Jahre 1212 – also vor 800 Jahren! – entschied sich Franziskus, seine Friedensmission in die Welt des Islam auszuweiten. Es war ein sehr turbulentes Jahr, in dem die Zukunft der Christenheit in Spanien auf dem Spiel stand. Als im August die entscheidende Schlacht bei Granada gewonnen wurde, jubelte der Papst. Dieser Sieg zeige, dass Gott jetzt auf Seiten der Christen sein müsse. Schon für das kommende Jahr rief er deshalb einen neuen Kreuzzug aus. Als Mann des Friedens teilte Franziskus diese Freude des Papstes nicht. Im September nahm er stattdessen ein Schiff, das ihn zum Sultan bringen sollte. Unglücklicherweise hielt ihn ein Sturm davon ab, sein Ziel zu erreichen. Schließlich versuchte er es erfolgreich im Jahr 1219, als der 5. Kreuzzug auf seinem Höhepunkt war. Trotz der Einwände des päpstlichen Delegaten blieb Franziskus bei seinem Friedensplan und ging zum Sultan, nicht wissend, was ihn erwarten würde, denn die Kreuzzugspropaganda beschrieb den Sultan als „wildes Tier"! Aber Franziskus wurde freundlich aufgenommen, und zu seiner großen Überraschung entdeckte er, dass die Muslime nicht die Ungläubigen waren, als die sie beschrieben worden waren, sondern gläubige Menschen, deren Leben, Glauben und Beten ihn sehr beeindruckte.

Franziskus kehrte als gewandelter Mensch nach Italien zurück. Er konnte nicht für sich behalten, was er gesehen und was er erfahren hatte. Er begann Briefe zu schreiben, in denen er die Kleriker ersuchte, nicht nur die Verehrung der Eucharistie zu fördern, wie das Lateran-Konzil (1215) verlangt hatte, sondern auch „die geschriebenen Namen und Worte unseres Herrn", wie er es bei den Muslimen gesehen hatte, die ihrem Koran einen Ehrenplatz geben und mit großer Hingabe die 99 wunderschönen Namen Gottes rezitieren. Er schrieb auch den Kustoden, den Leitern der Bruderschaft und den Bürgermeistern der Städte, und drückte seinen Wunsch aus, dass sie den muslimischen Gebetsruf einführen sollten, damit „durch alle Menschen in der ganzen Welt und immer zu jeder Stunde dem allmächtigen Gott Preis und Dank gegeben werde". Die Häufung der verschiedenen Worte mit ihrer universalen Absicht gibt dem Text einen ekstatischen Klang, der seinen – Franziskus' - visionären Charakter unterstreicht. Franziskus träumte, wie Leonhard Lehmann treffend anmerkte, von einer „christlich-muslimischen Oikumene im Lobpreis Gottes", nicht nur in Worten, sondern auch in Taten. Durch ihre gegenseitige Zusage, miteinander in Frieden leben zu wollen, können Christen und Muslime unsere Welt wahrhaftig zu einem Haus Gottes machen, in dem alle, die zum Volk Gottes gehören, willkommen sind.

Die Entscheidung Johannes Pauls II. 1986 die Führer der unterschiedlichen Glaubensrichtungen nach Assisi zu einem Weltgebetstag für den Frieden einzuladen, trifft sich gut mit der Vision, die Franziskus entwickelt hatte, als er unter den Muslimen lebte; sie war in der Lage, die Vorurteile abzubauen, die die Kirche pflegte in ihrem Kampf gegen sie.

Ich denke, er hätte es sehr bedauert, dass beim letzten Weltgebetstag „der Erinnerung an die 25. Wiederkehr der Initiative Johannes Pauls" den Repräsentanten nur die Gelegenheit gegeben war, eine Stunde in ihren Räumen privat zu beten. Ob Franziskus nicht das Gebet all derer geliebt hätte, die sich von überall her in Assisi versammelt hatten, um Gott zu loben und zu danken für all die guten Gaben, die er in seiner gnädigen Liebe über alle ausgegossen hatte? Und was ist mit dem Vorschlag eines Rabbis, dass das nächste Mal die verschiedenen Führer nicht nur bei den Gebeten der anderen dabei seien wie 1986, sondern tatsächlich zusammen beten, indem sie gemeinsam das Gebet um Frieden sprechen, das Franziskus zugeschrieben wird: „Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens"?


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April 2012

Franziskus und die Armen

Der Schweizer Jesuit Mario von Galli nannte den hl. Franziskus das heimliche Thema des II. Vatikanischen Konzils. Mit dem Begriff „Kirche der Armen" bringt Johannes XXIII. schon vor dem Konzil dieses Grundthema des poverello aus Assisi in Erinnerung. Die Kirche soll eine Kirche für alle und im Besonderen für die Armen sein, denn Jesus hat eine befreiende Botschaft für die Armen verkündet. Der Beitrag von Norbert Arntz zeigt auf, dass sich dieses Thema wie ein roter Faden durch alle Etappen des Konzils zieht. Am Ende blieb es dann doch bei Ansätzen und Versuchen, die aber auch 50 Jahre nach dem Konzil nichts von ihrer Sprengkraft verloren haben.

Franziskus war der Sohn eines reichen Kaufmanns, gehörte also zum neureichen Bürgertum von Assisi. Die Mächtigen und Reichen blieben unter sich. Auch die Kirche war Teil dieser feudalen Gesellschaft. Die Armen hausten draußen vor der Stadt; sie waren die billigen und rechtlosen Diener der Reichen und kamen auch in der Kirche kaum in den Blick. Der junge Franziskus fühlte sich wohl in dieser Welt, er war der Anführer rauschender Feste. Mit dem Geld des Vaters konnte er sich das leisten. Ritter wollte er werden und ganz nach oben kommen. Das war sein Traum. Von dieser Zeit sagte er später, dass er lebte „als ob es Christus nicht gäbe". Der Gott, den die reichen Bürger Assisis verehrten, war der „erhöhte Herr", der erhabene Weltenherrscher, der mit dem Alltagsleben der Menschen wenig zu tun hatte. In seinem Testament wird er sagen, dass es die Zeit war, „als ich noch in Sünden war"; die Zeit also, in der der „arme Jesus von Nazareth" und die Sorgen und Leiden der Armen und Ausgeschlossenen vor den Toren Assisis ihn gar nicht berührten.

Die entscheidende Wende kam durch Gottes eigene Führung. So schreibt er in seinem Testament: „Der Herr hat mir den Mut gegeben, das Leben der Umkehr und der Buße zu beginnen." Es war die Begegnung mit dem Aussätzigen, die zur Wende führte. „Der Herr selbst hat mich unter sie geführt. (...) Was mir bitter war, wurde in Zärtlichkeit verwandelt. Danach hielt ich eine Weile inne und verließ die Welt."

Seine bisherige Welt brach zusammen - jene Welt, in der es oben und unten gibt, Besitzende und Besitzlose, Hochgestellte und Erniedrigte, Herren und Knechte. Aus dieser Welt steigt er aus. In der Begegnung mit den Aussätzigen geht Franziskus auf, dass eine solche Welt nicht die wahre sein kann. Er entdeckt die Welt des Evangeliums als Alternative. In den Fußstapfen des armen WanderpredigersJesus will er künftig wandeln. Er verlässt seine Stadt Assisi, die Stadt der Sicherheiten und des Geldes. Sein Standort ist künftig die Welt der Armen, der Aussätzigen, der Mühseligen und Beladenen. Es war ein schmerzhafter Standortwechsel, eine lange und mühselige Suche, doch schließlich die Gewissheit: „niemand konnte mir sagen, was ich tun soll, Gott selbst hat mir offenbart - der Herr hat mir gegeben – der Herr hat mir gezeigt" (Test).

Auf diesen Geist Gottes beruft sich Franziskus künftig. Kein Wunder, dass er bald Gefährten findet, die ihm folgen wollen, die wie er dem armen Jesus von Nazareth folgen und seine befreiende Botschaft leben und verkündigen wollen. Aus kleinen Anfängen wird schnell eine große Bewegung, wird eine neue Art von Kirche-sein, eine revolutionäre Weise des Zusammenlebens ohne Herrschaftsansprüche und Besitzdenken. Wie Schwestern und Brüder sollten sie miteinander leben, teilen und Zeugnis geben vom kommenden Reich Gottes.

Es ist deshalb auch nicht erstaunlich, dass so viele Konzilsväter in ihrer Suche nach einer erneuerten, offenen und der Welt und den Menschen zugewandten Kirche diesem faszinierenden und gelungenen Beispiel des armen Franz von Assisi folgen wollten. Es wäre eine radikale Wende gewesen, so wie damals in der feudalen Kirche des Mittelalters. Der Traum des Franziskus von einer „Kirche der Armen" ist zwar nie ganz Wirklichkeit geworden, aber immer wieder in neuen Anläufen versucht worden. Der Traum der Konzilsväter von einer Kirche des Gottesvolkes ist auch 50 Jahre danach immer noch in weiter Ferne. Am Ende wird es auf uns ankommen, dass er nicht ganz in Vergessenheit gerät.

Andreas Müller OFM

Franziskanische Prophetie der Armut in der Konzilsaula

Pfr. Norbert Arntz

Franziskanischer Geist verzichtet auf jegliches Herrschaftsstreben, weil es die Andersartigkeit und Würde der Geschwister verletzt. Zweifellos von dieser Grundhaltung der Armut bestimmt, die den anderen Menschen weder besitzen noch missachten will, berief Papst Johannes XXIII. das II. Vatikanische Konzil ein. „Wäre es nicht an der Zeit, den kaiserlichen Staub, der sich seit Konstantin auf dem Stuhl des heiligen Petrus abgesetzt hat, abzuschütteln?" fragte er. Ebenso wie mit diesen mündlich überlieferten Worten hat er mit der Rede von der „Kirche der Armen" in seiner Rundfunkansprache vom 11. Sept. 1962, also genau vier Wochen vor der Eröffnung des Konzils, einen Prozess in Gang gesetzt, in dem sich das Konzil als dialogisches Ereignis überhaupt entfalten konnte: „ ...Gegenüber den unterentwickelten Ländern erweist sich die Kirche als das, was sie ist und sein will, die Kirche aller, vornehmlich die Kirche der Armen..."

Sich zur gesellschaftlichen Lage der Armut in der Welt zu verhalten, ist für Johannes XXIII. eine Bedingung, um die Bedeutung der Kirche und ihres Tuns angemessen verstehen zu können. Dem Papst kommt es darauf an, aus der Kirche ein Zeichen der Liebe Gottes zu jedem Menschen ohne Ausnahme („die Kirche aller") zu machen und zugleich daran zu erinnern, dass Gott sich den Unterdrückten und Armen vorrangig zuwendet („insbesondere die Kirche der Armen"). Die beiden Aspekte „Universalität" und „Vorrang der Armen" sind biblisch untrennbar miteinander verbunden. Welche Dynamik gleich zu Beginn des Konzils dieser franziskanische Geist der Armut in einer Reihe von Konzilsbischöfen wachgerufen hat, lässt sich eindrucksvoll nachempfinden, wenn man einen der ersten Rundbriefe des damaligen Weihbischofs von Rio de Janeiro, Dom Helder Camara, liest. Am 24. Oktober 1962, schreibt er: „Wir haben die Idee eines 'christlichen Bandung' in Jerusalem – auf halbem Weg zwischen Orient und Okzident – in Anwesenheit des Papstes."

„Bandung" – das war 1955 die Konferenz, zu der die Vertreter von 29 afrikanischen und asiatischen Nationen in der indonesischen Gebirgsstadt Bandung zusammengekommen waren, um sich gegen Kolonialismus und Imperialismus zu verbünden. Man könnte behaupten: Mit dem Stichwort „christliches Bandung" greift Helder Camara die Idee Johannes' XXIII. auf, mit dem Konstantinismus Schluss zu machen. Aber diese weltkirchliche und weltpolitische Idee musste vorbereitet werden. Dazu bedurfte es anderer Schritte. Durch persönliche Umkehr musste die kirchliche Umkehr in der Konzilsaula vorbereitet werden. Dom Helder träumt im Geist des poverello von Assisi also weiter:

Bischof Mercier (aus der Sahara) hat den Wunsch, dass die Konzilsväter eine symbolische Geste vollziehen: alle sollten ihre goldenen Brustkreuze abgeben und stattdessen Holzkreuze tragen. Wir bereiten ein solches Komplott vor. Mercier verfasst mit Hilfe des Opus Angeli (einer beratenden Theologen-Gruppe) den Text und ich trage ihn vor. Zusammen gehen wir dann zu Kardinal Feltin, der als Redner vor dem Pax-Christi-Kongress dazu verpflichtet ist, uns zu verstehen und zu unterstützen. Ich werde versuchen, die Kardinäle Montini und Suenens zu gewinnen. Am Freitag werden wir uns mit den französischen Bischöfen versammeln, deren Vorsitzender Kardinal Gerlier ja verantwortlich für unseren Sankt-Sebastian-Kreuzzug in Rio ist. Sie alle sind reif für diese Idee.

Zuerst also werden wir die unterentwickelte Welt auf unserer Seite haben: Lateinamerika, Asien und Afrika. Aber ich hoffe, durch die europäischen Bischöfe, die in Afrika und Asien leben und wirken, auch einen Großteil Europas mitreißen zu können. Wir werden befreundete Kardinäle gewinnen. Wir werden Vorträge halten, Begegnungen, Anbetungsstunden, Bußakte organisieren, sowie gemeinsame Abendessen.

Um uns ein großes Beispiel vor Augen zu halten: Der hl. Franz von Assisi hatte zunächst das Wort Jesu über seine eingestürzte Kirche auch nur einfach wörtlich genommen: er erneuerte die Kirche von San Damiano. Unser Bruder José Vicente war stellvertretend auch für mich in Assisi, um den Segen des Heiligen Franz für das Unternehmen zu erbitten. Verzeiht mir meine Träume. Der Plan ist so selbstlos und reinen Herzens; die Liebe zur Kirche so groß, dass ich sie in meinem Traum an vorderster Front im Einsatz für die Erniedrigten und Armen sehe! Helft alle mit, so viel ihr könnt. Ohne Opfer und ohne Gebet geht nichts.

Soweit identifiziert Helder sich mit Franz, dass er dessen Segen weitergibt. In der Tat, es ist auch heute noch „ein Segen vom Bruder Franz", dass wir durch seine Konzilsbriefe ein wenig nachempfinden können, in welche geistliche-geistige-kirchliche-politische Dynamik die Konzilsväter damals hineingezogen wurden. Aber sie konnten diesen Schwung offenbar nicht auf das gesamte Konzil übertragen. Zwar war auch Kardinal Lercaro's Rede vom 7. Dezember 1962 aus dem Geist des poverello von Assisi bestimmt:

Das Mysterium Christi in der Kirche ist immer, in besonderer Weise aber heute, das Mysterium Christi, der in den Armen lebt, denn die Kirche ist, wie unser heiliger Vater Papst Johannes XXIII. sagte, „die Kirche aller, besonders aber die Kirche der Armen". [...] Deshalb müssen wir beim Abschluss der ersten Session unseres Konzils feierlich anerkennen und verkünden: Wir werden unserer Aufgabe nicht gerecht werden, wir werden dem Plan Gottes und der Erwartung des Menschen nicht offenen Geistes entsprechen, wenn wir nicht das Mysterium Christi in den Armen und die Verkündigung des Evangeliums an die Armen zum Mittelpunkt und zur Seele der doktrinären und gesetzgebenden Arbeit dieses Konzils machen. [...] Das Thema dieses Konzils ist die Kirche, insofern sie besonders „die Kirche der Armen" ist.

Zwar ließ sich auch Papst Paul VI. dazu bewegen, seine Tiara bei einer Messe im byzantinischen Ritus dem Patriarchen Maximos IV. Saigh vor die Füße zu legen und damit ein Zeichen gegen den Konstantinismus zu setzen. Aber der Gruppe „Kirche der Armen", die Bischöfe aus achtzehn Nationen und aus vier Erdteilen zusammengeführt und sich nahezu wöchentlich im Belgischen Kolleg getroffen hatte, gelang es nicht, die Armen in den Mittelpunkt der konziliaren Reflexion zu rücken. Eines der wenigen spürbaren Ergebnisse ihrer Bemühungen war die Aussage der Kirchenkonstitution in Lumen gentium 8,3

„ Wie aber Christus das Werk der Erlösung in Armut und Verfolgung vollbrachte, so ist auch die Kirche berufen, den gleichen Weg einzuschlagen, um die Heilsfrucht den Menschen mitzuteilen. Christus Jesus hat, "obwohl er doch in Gottesgestalt war, ... sich selbst entäußert und Knechtsgestalt angenommen" (Phil 2,6); um unseretwillen "ist er arm geworden, obgleich er doch reich war" (2 Kor 8,9). So ist die Kirche, auch wenn sie zur Erfüllung ihrer Sendung menschlicher Mittel bedarf, nicht gegründet, um irdische Herrlichkeit zu suchen, sondern um Demut und Selbstverleugnung auch durch ihr Beispiel auszubreiten. Christus wurde vom Vater gesandt, "den Armen frohe Botschaft zu bringen, zu heilen, die bedrückten Herzens sind" (Lk 4,18), „zu suchen und zu retten, was verloren war" (Lk 19,10). In ähnlicher Weise umgibt die Kirche alle mit ihrer Liebe, die von menschlicher Schwachheit angefochten sind, ja in den Armen und Leidenden erkennt sie das Bild dessen, der sie gegründet hat und selbst ein Armer und Leidender war."

Es bedurfte offenbar weiterer Umwege, um die Kirche „auf die verloren gegangenen Wege der Armut zurückzuführen" (Helder Camara), als man sich während des Konzils erhofft hatte. Am Ende des Konzils, am 16. November 1965, versammelte sich eine Gruppe von 40 Bischöfen in der Domitilla-Katakombe und unterzeichnete dort den sogenannten Katakombenpakt. Damit verpflichteten sich die anwesenden Bischöfe zu einem armen, einfachen Lebensstil. 500 weitere schlossen sich ihnen später an. Aus dem Katakombenpakt ging die Bischofsversammlung von Medellín hervor, in der die Themen des Katakombenpaktes zum Bestandteil des kirchlichen Lehramtes einer kontinentalen Ortskirche in der katholischen Kirche wurden. Unter den Erstunterzeichnern war nämlich eine erhebliche Anzahl Lateinamerikaner. Seit Medellín bis heute hat der Streit um „die Kirche der Armen" und ihre Theologie der Befreiung" an Brisanz nicht verloren, weil immer wieder Menschen mit franziskanischem Charisma „auferstehen" und dessen wahrhaftig „subversives Vermächtnis" in Erinnerung bringen. Denn das Kernstück der „Kirche der Armen" und ihrer Theologie der Befreiung besteht ja gerade in der Option, mit den Armen gegen die Armut und für ein Leben in Freiheit und Würde einzustehen. „Die Armen müssen sich ihre Würde selbst wieder erkämpfen können. Sie müssen Subjekte einer Geschichte werden, die alle befreit, Reiche wie Arme, so dass alle Menschen zu Brüdern und Schwestern werden, die Leben und Güter miteinander teilen ... und das in einer mit allen verschwisterten Natur, insofern diese ja auch aus vielen Brüdern und Schwestern besteht: aus Bruder Sonnenball und Schwester Mondsichel, aus Schwester Wasser und Bruder Feuer, aus Schwester Lerche und Bruder Wolf." (Leonardo Boff)

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Mai 2012

„Bei euch soll es nicht so sein!"

Wer kennt das nicht, das Verlangen nach Einfluss und Macht, das Gerangel um die ersten Plätze, das Buhlen um Anerkennung und Applaus? Und damit verbunden das Streben, ganz oben zu stehen und besser zu sein als die anderen. Ehrgeiz und Leistung sind selbstverständliche Voraussetzungen, um etwas zu erreichen in der Schule, im Sport, im Beruf und im alltäglichen Leben. Wie immer und berall: auf das rechte Maß kommt es an! Wenn das verloren geht, wird es zum Problem und schadet dem Leben.

Jesus zeigt am Beispiel seiner Jünger, wo die Stolpersteine liegen. Als er in der Kerngruppe seiner Jünger, den zwölf Aposteln, dieses allzu menschliche Verlangen nach ganz oben entdeckte, machte er ihnen klar, dass die ersten Plätze auch überheblich machen, dass Macht zum Machtmissbrauch, und Herrschen zur Unterdrückung verführen können. „Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein." Und dann setzt er noch eins drauf: „Wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein." (Mk 10,43f) 21

Das ist die Umkehrung der Werte. Was klein und unscheinbar ist, soll für groß gehalten werden; was groß und wertvoll erscheint, soll den Rang des Kleinen und Geringen bekommen. Jesus begründet das mit seinem eigenen Auftrag. Er, der menschgewordene Sohn Gottes, ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen. (Vgl. Mk 10,45). Gott denkt anders als die Menschen. Die Kleinen gehören in die Mitte, die Mächtigen sollen dienen. Aufgabe der Jünger ist, diese göttlich-revolutionäre Wende in der Welt zu verkörpern und deren Schicksal zum Guten zu wenden.

Einer, der diese andere Logik der Werte wirklich verstanden und gelebt hat, ist Franz von Assisi. Die Aussätzigen waren es, die ihm die Augen öffneten. Als er kurz vor seinem Tod sein Testament diktierte, wollte er allen seinen Nachfolgern in Erinnerung bringen, dass damit alles begann: sein Standortwechsel aus dem reichen Assisi an den Rand der Stadt, sein neues Leben auf der Seite der Armen als konsequente Nachfolge des armen Jesus von Nazareth. Den Brüdern, die in die Mission gehen wollen, gibt er mit auf den Weg: „Sie sollen den Sarazenen (den Muslimen) untertan sein, keine Streitgespräche anfangen, zeigen, dass sie Christen sind; predigen sollen sie nur, wenn sie erkannt haben, dass es Gottes Wille ist." (vgl. NbR, 16). Also Mission mit Geduld und Fingerspitzengefühl. Mission als Dienen statt Herrschen, Mission durch das überzeugende Beispiel des Lebens.

Das ist gleichsam eine Kurzformel für die Sendung der Kirche. Denn nur darum geht es, die befreiende Botschaft Jesu vom Reich Gottes hier und heute erfahrbar zu machen. Dazu hat er sein Volk berufen, seine Kirche als Volk Gottes, wie sie im Konzilsdokument Lumen Gentium vorgestellt wird. Eine Kirche, in der alle die gleiche Würde haben, weil alle teilhaben am allgemeinen Priestertum Christi. Eine Kirche, in der alle Charismen und Dienstämter zur Geltung kommen und die „Großen" die Diener aller sind, wie Jesus das von seinen Aposteln verlangt.

Gewiss, es hat in der Kirche auch die Lust am Herrschen gegeben. Es hat Mission mit Hilfe des Schwertes gegeben; es hat die Überheblichkeit über andere Kulturen und Religionen gegeben und den Missbrauch der Macht. Aber es hat auch immer die Menschen gegeben, Männer und Frauen, die dem Beispiel Jesu wortwörtlich gefolgt sind. Menschen, die ihr ganzes Leben lang nichts anderes getan haben, als den liebenden und menschenfreundlichen Gott erfahrbar zu machen.

Das ist es, wonach die Menschen sich heute sehnen. Wir alle sind gemeint. Als Christen sind wir gesandt zu diesem Dienst an der Welt. Das erfordert freilich respektvolle Toleranz gegenüber anderen Überzeugungen und Dialog auf Augenhöhe. Es verlangt die Bereitschaft, zu geben wie zu empfangen. Ein solcher Umgang miteinander wird nur dann gelingen, wenn man sich – wie Franziskus sagen würde - gegenseitig „untertan" ist, d.h. aufeinander hören und voneinander lernen will. Auf diese Weise hat Franziskus ein Beispiel gegeben, das uns heute wirklich helfen kann.

Andreas Müller OFM

Bekehrung der Prälaten

Eine Aktion des hl. Franziskus und eine Aufgabe nach dem Vatikanum II.

P. Hadrian Koch OFM

Welch ein Versuch?! Prälaten bekehren. Als ob das so einfach wäre. Doch Vorsicht: man kann bei diesem Thema schnell eitel und selbstgefällig werden, besonders wenn man selbst kein Prälat ist. Man kann mit dem Zeigefinger auf andere deuten. Doch sollte man dann wissen, dass vier Finger auf einen selbst zurückweisen.

Aber war das nicht ein Teil dessen, was Franziskus getan hat: Prälaten bekehren? Das war nicht sein Hauptanliegen, aber nebensächlich war es für ihn deshalb nicht. Er hat es versucht, ohne dadurch zu einem ständig Kritisierenden oder Nörgler an den Zuständen in der Kirche geworden zu sein. Und ohne dadurch auf Menschen herabgeschaut zu haben. So muss es wohl gewesen sein, alles andere würde nicht zu ihm passen.

Prälaten zur Zeit des Heiligen hatten offensichtlich wenig Interesse an Seelsorge. Sie waren Pfründenbesitzer. Das machte sie beim Volk nicht beliebt. Die Kritik an der Hierarchie wurde lauter. Es wurde verglichen: Jesus ist arm, der Papst, die Bischöfe und Prälaten dagegen waren reich; Jesus ist friedlich, die Kirche dagegen war kriegerisch; Jesus lebte arm, er wusste nicht, wohin er sein Haupt legen sollte, die Hierarchie und mit ihr die Prälaten liebten das höfische Leben.

Laien wollten „nackt dem nackten Christus folgen". Das wollten die Prälaten offensichtlich nicht. Wie sonst hätte Katharina von Siena dem Papst schreiben können: die Sünden deiner Prälaten schreien zum Himmel!

Für Franziskus galt: Prälaten haben einen Platz in seinem Orden. Sollte aber ein Prälat einem Bruder etwas auftragen, was „contra animam", also ‚gegen die Seele" sei, dann habe dieser das Recht, nicht zu gehorchen. Auch sollten Prälaten nicht damit angeben, dass sie Prälaten sind, sondern ihr „Prälatensein" so erfüllen, als ob sie den Brüdern die Füße waschen würden. Für sich selbst verabscheute Franziskus alles ‚Höhere" und alles, was mit ‚Höherem" verbunden werden könnte. Alles, was mit „magis, prae und super" (größer, vor, über) verbunden werden konnte, tauschte er lieber mit dem, was in der Gesellschaft mit „minores" und mit „subditi" (untertan) gemeint war. Was er in seinem Orden wünschte, war die Gleichheit aller.

Dies korrespondierte mit den großen Bewegungen seiner Zeit: mit dem Kampf gegen die „superbia", mit dem Hochmut, dem Dünkel. Sünde war damals vorrangig die Sünde derer „oben", und damit auch der Prälaten. Dabei unterschied sich Franziskus doch deutlich von den Bewegungen seiner Zeit, von den Katharern oder den Albigensern. Für Franziskus ging es um die eigene Bekehrung, nicht um das Zeigen auf die anderen. Das eigene Beispiel – exempla trahunt – sollte es sein, das zur Umkehr führt.

Wie viel Erfolg er damit hatte? Auch hier ist „Erfolg keiner der Namen Gottes", wie es später Martin Buber, der jüdische Religionsphilosoph sagen sollte.

Für Franziskus ging es nicht um Erfolg, nicht um Zahlen. Er sagte und tat, was er für richtig und dem Evangelium gemäß hielt. Franziskus achtete die Priester und respektierte die Hierarchie. Im Testament von Siena schreibt er als Letztes: „und dass sie (die Brüder) immer den Prälaten und allen Klerikern der heiligen Mutter Kirche treu und untergeben sein sollen."

„Treu und untergeben" – was heißt das heute in der Zeit nach dem II. Vatikanum? „Freimut ist das Recht des Freundes" sagt ein Sprichwort. Nur ein Sprichwort?

In der Zeit nach Franziskus, als die Konkurrenz zu den Weltgeistlichen immer deutlicher wur-de, behauptete der Franziskaner Duns Scotus „dass die Bettelbrüder den Prälaten der Kirche gleichberechtigt seien, ja, dass sie – da dem Status der Vollkommenheit näher stehend – sogar besser geeignet seien, der Welt die christliche Wahrheit zu verkünden." (Hans-Joachim Schmidt, Franz von Assisi und der Franziskanerorden, S. 75; in: Franziskus. Licht aus Assisi. Katalog zur Ausstellung im Erzbischöflichen Diözesanmuseum und im Franziskanerkloster Pa-derborn. Hg: Christoph Stiegmann, Bernd Schmies und Heinz-Dieter Heimann. Hirmer Verlag 2010).

Bekehrung der Prälaten. Welch ein Versuch! Das II. Vatikanische Konzil hat die Prälaten nicht „abgeschafft". Bischöfe, Äbte und Kardinäle werden so bezeichnet, weil sie „Vorsteher" sind. Das neue kirchliche Gesetzbuch von 1983 hat die Beschlüsse des II. Vatikanischen Konzils umgesetzt, und zu der auf ein Territorium bezogenen Rechtsform „Prälatur", die nicht auf ein bestimmtes Territorium bezogene „Personalprälatur" – ein Zusammenschluss von Priestern, Diakonen und Laien - eingefügt.

Dass sich zu Lebzeiten des heiligen Franziskus kein einziges Mitglied des höheren Klerus sei-nem Orden anschloss, ist nach Helmut Feld kein Wunder. Dennoch hat sich der Heilige nicht entmutigen lassen, immer neue „Zeichen" zu setzen. Das Leben nach dem Evangelium war für ihn wichtiger und sein Beispiel überzeugte – wenn auch eher den „niederen Klerus", der dem Volke Gottes auch näher stand. Ob es heute anders ist?

Wie schwer es ist, auszusteigen und völlig neu anzufangen, ist kein Geheimnis – das war da-mals so und ist es heute immer noch. Aber der Anspruch bleibt – wenn man sich ihm stellt.

Inwieweit seit den Zeiten von Franziskus eine „Bekehrung der Prälaten" stattgefunden hat bzw. stattfindet, ist weltweit nicht zu sagen. Es gab aber eine Zeit, in der doch einige in der Kirche „nahe dran" waren: zur Zeit des II. Vatikanums als sich „beflügelt vom prophetischen Geist eines Dom Helder Câmara am 16. November 1965 – drei Wochen vor dem Abschluss des Konzils – vierzig Konzilsbischöfe in den Domitilla-Katakomben außerhalb Roms trafen um den ‚Pakt für eine dienende und arme Kirche' zu schließen". Ihnen sollten sich später noch 500 weitere Bischöfe anschließen. Dieser „Katakombenpakt" der Prälaten ist weitgehend in Verges-senheit geraten. Dass er nach fast 50 Jahren wieder neu ins Bewusstsein rückt, kann nur begrüßt werden.

Mit Fingern hat Franziskus auf niemanden gezeigt. Er hat getan, was er für richtig und dem Evangelium gemäß hielt.

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Juni 2012

Wie Franziskus die ersten Brüder in die Welt sandte

Eines Tages kam Franziskus mit den sieben ersten Brüdern nach Poggio Bustone im Rietital. Wie er die weite Ebene unter sich sah, wusste er: Wir sind in die weite Welt gesandt. Darum rief er alle zu sich und erzählte ihnen vom Reich Gottes und von der Berufung, die alle erfüllen sollten. Dann teilte er sie in vier Gruppen von je zwei Brüdern und sagte zu ihnen: "Geht, Geliebteste, je zwei und zwei nach den verschiedenen Weltgegenden und verkündet den Menschen die Botschaft vom Frieden! Seid geduldig in der Trübsal und voll Zuversicht, dass der Herr seine Verheißung erfüllen wird! Denen, die euch fragen, antwortet demütig; die euch verfolgen, die segnet; denen, die euch Unrecht antun und verleumden, sagt Dank!" (nach 1 C 29f.).

Diese Geschichte lehrt uns, dass sich Franziskus – wie in seiner Berufungsgeschichte – auch in seinem Missionsverständnis auf seine innere Gewissheit verlässt. Aufgabe der Brüder ist die Verkündigung der Botschaft vom Frieden, also die Reich-Gottes Idee. Und zwar überallhin, in alle Himmelsrichtungen sind wir gesandt. Ihm kommt gar nicht in den Sinn, dass er dafür eine besondere Beauftragung bräuchte. „Gott selbst hatmir geoffenbart." Er lässt diese innere Überzeugung nur bestätigen, macht sie aber nicht abhängig von kirchlichen Gewohnheiten seiner Zeit.

Wir heutigen Brüder und Schwestern verlassen uns kaum mehr auf eine innere Stimme: „Gott selbst hat uns offenbart!" Alles ist geregelt. Für alles gibt es klare Verordnungen – für Pastoral, Mission ad Gentes, soziale Dienste, Ausbildung und Beauftragung. Das Netz der Vorgaben und Gesetze ist so eng, dass nicht viel Spielraum bleibt für den Heiligen Geist. Und wir – wenn wir den sicheren Weg gehen wollen – halten uns gerne an diese Wegmarken. Mehr franziskanischer Wagemut täte uns also wirklich gut.

Andererseits haben wir Franziskus voraus, dass wir unsere Sendung nicht mehr so naiv angehen müssen wie er. Wir wissen um die Komplexität der Welt und ihre Probleme. Wir leben heute wirklich in einem globalen Dorf, in dem alles, was weltweit passiert, auch weltweit publik wird. Und das ist häufig so beängstigend, dass wir uns gerne in unserer vertrauten Welt einigeln. Dabei wäre gerade heute wichtig, dass wir unsere lokalen Erfahrungen
mit anderen teilen und so zu einem globalen Handeln kommen. Anders ist die befreiende Botschaft vom Reich Gottes heute nicht erfahrbar zu machen. Wir dürfen uns den Blick von den eigenen Problemen nicht so verstellen lassen, dass wir die globalen Herausforderungen nicht mehr wahrnehmen.

Was also Not tut ist, dass wir von Franziskus und Klara und ihrer unschuldigen Offenheit wieder lernen und uns von ihnen anstecken lassen. „Gott selbst hat mir geoffenbart!", das kann auch heute passieren und uns zu ganz neuen Aufbrüchen und Antworten ermutigen. Wir dürfen Franziskus und Klara nicht nachahmen, sondern müssen ihre Geschichte neu schreiben. Wenn wir wissen wollen, wozu uns Gott heute sendet, müssen wir zu allererst die „Zeichen unserer Zeit" erkennen und auf diese dann in der Weise von Franziskus und Klara Antworten geben.

Wie Franziskus seine Berufung entdeckte in der Begegnung mit dem Aussätzigen, so müssen auch wir die Ausgegrenzten unserer Tage annehmen und das Evangelium neu-lesen aus dem Blickwinkel der Armen und Ausgestoßenen. Also Wiederbelebung der franziskanischen Option für die Armen.

Wie Franziskus seinen Standort gewechselt hat aus dem Zentrum an die Peripherie der Stadt Assisi, so müssen auch wir uns die Sache der Armen in der Zweidrittelwelt zu eigen machen und in unserer Gesellschaft und Kirche immer wieder zur Sprache bringen. Also Wiederentdeckung unserer prophetischen Berufung.

Wie Franziskus in seinem Sonnengesang die geschwisterliche Einheit aller Geschöpfe besungen und uns eindringlich daran erinnert hat, dass wir nicht die Herren der Schöpfung sind, sondern Mitgeschöpfe, so müssen auch wir die Bewahrung von Gottes Schöpfung zu einem vorrangigen Thema machen. Also Wiederentdeckung der franziskanischen Schöpfungsspiritualität.

Franziskus begründete mit seinem Gespür für die Nöte der Zeit vor 800 Jahren eine Bewegung, die die Kirche veränderte. Nach 800 Jahren müssten auch wir wieder zur Bewegung werden, die der Kirche heute hilft, der geplagten Welt das Vertrauen in einen menschenfreundlichen Gott zurückzugeben.

Andreas Müller OFM

Kirche – das wandernde Volk Gottes in der Welt

Amerkungen zum Konzilsjubiläum aus franziskanischer Sicht

Das II. Vatikanische Konzil, nach dem Willen Papst Johannes XXIII. eine Versammlung der ganzen Kirche, sollte Glaubenden wie Nichtglaubenden „guten Willens", als Orientierung und Stütze dienen, die gewaltigen Probleme der Menschheit gemeinsam anzugehen.

Ein Rückblick auf die Epoche vor dem Konzil macht deutlich, wie damals Unvorstellbares nicht nur denkbar, sondern das Denken befruchtend, zur Grundüberzeugung christlichen, nicht nur katholischen Selbstverständnisses werden konnte. So ist aus der Vorstellung von der Kirche als „societas perfecta" – eine im geistlichen Bereich alles abdeckende Institution – wieder das biblisch wandernde Volk Gottes geworden, das Licht unter den Völkern sein soll und zugleich um die eigene Schwäche weiß.

Das kirchliche Jahrhundertereignis des II. Vatikanischen Konzils ist untrennbar mit Papst Johannes XXIII. verbunden.

Als er ein ökumenisches Konzil für die Gesamtkirche ankündigte, blieb vielen, die sich selbst als Teil der „lehrenden Kirche" verstanden, vor Schreck der Mund offen, um bald darauf vollmundig Gründe vorzubringen, die ein solches Jahrhundertunternehmen für undurchführbar erklärten. Das Wort vom „Übergangspapst" machte die Runde ... Doch zur Überraschung vieler setzte dieser deutliche Pflöcke für die notwendige geistige Auseinandersetzung mit der Welt und mit dem Selbstverständnis von Kirche. Anders als der Titel seiner ersten Enzyklika (1961) „Mater et Magistra" (Mutter und Lehrmeisterin) vermuten lässt, darf die Kirche nicht um sich selbst kreisen, ist sie – entsprechend dem Auftrag ihres Gründers – nicht nur zur Sorge für das ewige Heil im Jenseits, sondern auch für ein menschenwürdiges Leben aller auf diesem Planeten verpflichtet.

Das Konzil wird folglich den Anstoß dazu geben, die Botschaft Jesu als befreiende Nachricht für die Menschheit, besonders für die arm Gemachten zu begreifen, als eine befreiende Kraft, die keinen Bereich unberührt lässt: Weder den Staat und seine Politik, noch die nationale wie internationale Wirtschaft, nicht das Verhältnis von Mann und Frau in Gesellschaft und Kirche und auch nicht die Kirche selbst. Papst Johannes sieht in den enormen Problemen der Menschheit und in den bedrohlichen Entwicklungen „Zeichen der Zeit" und versteht diese als Gottes Herausforderung an die Kirche, ihrem Auftrag entsprechend zu handeln.

Das Weltrundschreiben „Pacem in terris" – Über den Frieden unter den Völkern (1963) – ist daher ein weiterer Pflock zur Orientierung für die „Kirche in der Welt von heute". Dass es auch Versuche gab, das Konzil „spiritueller", d. h. weniger konkret und konsequent im Hinblick auf die Situation der Menschen zu steuern, war zu erwarten. Im offiziellen Kommentar zur Pastoralkonstitution ist so ein Versuch nachzulesen. Da ist beispielsweise die Rede von der „sprachlich mangelhaften Fassung von ‚Mater et Magistra'" und vom „übergroßen Eifer, mit dem Johannes XXIII. aus der Güte seines Herzens seine lieben Bauern, wie ein schweizerischer Autor (J. Bleß) es so schön ausdrückt, gleich mit einem ganzen Blumenstrauß agrartechnischer und agrarpolitischer Ratschläge beschenkt hat" (Oswald v. Nell Breuning in: LThK III, 1968, 530). Weil aber dieser Papst zuerst an „seine lieben Bauern" und weniger an die hohe Zunft der spekulativen Theologen dachte, wollte er ein pastorales Konzil nach dem Vorbild des Apostelkonzils. Damals war es um nichts weniger als die Entscheidung gegangen, ob das Häuflein von Judenchristen eine der vielen religiösen Sondergruppen des Judentums bleiben soll und will, oder ob es den Sprung in die Welt bis hin zu einer künftigen Weltkirche wagen will und kann. Im Konzil hatte man eine Form gefunden, Probleme zu lösen, Herausforderungen in einer Weise zu bestehen, die es der Gemeinde erlaubten zu sagen, es habe dem Hl. Geist und ihr gefallen (vgl. Apg. 15,28).

Seitdem ist es durchgehende Überzeugung, dass ein Konzil, auch ein sog. Pastoralkonzil, die höchste Autorität der Kirche darstellt. Weil Gottes Geist überall und im ganzen Volk wirksam ist, vermag dieses auch die Zeichen der Zeit richtig zu lesen. Lange vor den Theologen hatten daher z.B. fromme italienische Landarbeiter begriffen, dass „ihre" kommunistische Partei, die sie damals trotz des kirchlichen Verbots wählten, nichts mit Atheismus, wohl aber mit einer unerträglichen sozialen Unordnung in ihrem Land zu tun hatte. Erst das Konzil vermochte einzuräumen, dass Menschen bei der Suche nach einem Ausweg aus systematischer Ungerechtigkeit und systembedingtem Elend aus menschlichem Mitleiden Wege einschlagen können, die letztlich wegen der sie tragenden Ideologie Irrwege sind. Besonders in ihnen Zeichen der Zeit zu erkennen, ist bleibende Aufgabe Kirche, setzt sie doch die Abkehr vom traditionellen, aber zutiefst unbiblischen und unfranziskanischen Freund-Feind-Denkschema voraus.

Ohne diese Abkehr wäre die historische Begegnung des Schwiegersohns von Nikita Chrustschow mit Papst Johannes XXIII. nicht denkbar gewesen. Anlässlich eines Staatsbesuches in Italien hatte sich der Vertreter des Kreml an einer Audienz interessiert gezeigt und Papst Johannes war souverän genug, diesen hohen Repräsentanten der kommunistischen Weltmacht zu empfangen und zwar ohne Rücksicht auf die Falken im gegnerischen politischen Lager und die „Recht- bis Rechtsgläubigen" in der eigenen Kirche. Letztere haben allerdings zwischenzeitlich wieder an Boden gewonnen, wie das selbstbewusste Auftreten der Pius-Brüder nahelegt, das die seit den Tagen des Apostelkonzils oberste Lehrautorität der Kirche ungestraft missachtet. Manche lässt das nach einem neuem Konzil rufen in der Hoffnung, es möge wieder eine Art Pfingststurm durch das alte Gemäuer der Kirche fegen. Nicht wenige aber haben Sorge, die heutige Generation von Bischöfen – nicht zuletzt die im eigenen Land – könnte ein kommendes Konzil dogmatisch angehen, um dann, wie üblich und zuletzt 1870 beim I. Vatikanischen Konzil, mit einer ganzen Litanei feierlicher Verurteilungen von Personen und zu Irrtümern erklärter Meinungen mit der Formel abzuschließen: „Si quis dixerit vel crediderit ... anathema sit. Falls jemand behaupten oder glauben wollte... der sei ausgeschlossen."

Papst Benedikt XVI. hat in Erinnerung an den Beginn des II. Vatikanischen Konzils ein Jahr des Glaubens ausgerufen. Das bedeutet auch eine Gewissenserforschung wie sie Papst Paul VI. zehn Jahre nach Abschluss des Konzils eingefordert hatte mit den Fragen: „Was ist in unseren Tagen aus dieser verborgenen Kraftquelle der Frohbotschaft geworden, die fähig ist, das Gewissen des Menschen tief aufzurütteln? – Bis zu welchem Grad und wie ist diese Kraft des Evangeliums imstande, den Menschen unseres Jahrhunderts umzugestalten? ... Ist die Kirche nach dem Konzil, ...das für sie in dieser geschichtlichen Wende eine Stunde Gottes gewesen ist, fähiger geworden, das Evangelium zu verkünden und es überzeugend im Geiste der Freiheit und wirksam in das Herz des Menschen einzusenken?" (EN No. 4)

Für die franziskanisch-klareanische Familie darf im Anschluss an diese Fragen gesagt werden: Dank des Konzils sind zunächst die weithin verschütteten, oft gänzlich unbekannten schriftlichen Quellen, die uns Bruder Franz und Schwester Klara hinterlassen haben, erst wieder entdeckt worden. Der ganze Reichtum dieses Erbes und die verblüffende Zeitlosigkeit dieses Denkens kamen erst in der Beziehung zu den Konzilsaussagen und deren Umsetzung in den Kontinentalkonzilien und besonders Lateinamerikas zum Tragen.


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Juli 2012

„Die Zukunft, die wir wollen"

 Unter diesem Motto stand der große UN - Klimagipfel vom 20. – 22. Juni in Rio. Er sollte Bilanz ziehen 20 Jahre nach der ersten Umweltkonferenz der UNO am gleichen Ort. Mit dem Zauberwort „Nachhaltige Entwicklung" glaubte man damals, eine drohende Umweltkatastrophe noch abwenden zu können und Ökonomie und Ökologie in Einklang zu bringen. Das erklärte Ziel war eine Harmonisierung von wirtschaftlicher Entwicklung und Umweltschutz: achtsamer Umgang mit den begrenzten Ressourcen und stetige Reduzierung schädlicher Emissionen. Ansonsten sollte an dem an Wachstum und Wohlstand orientierten Wirtschaften nichts geändert werden.


Die Konferenz Rio +20 musste nun zunächst feststellen, dass die Ziele von Rio 92 auf ganzer Linie verfehlt wurden. Die Ökobilanz hat sich in fast allen Bereichen verschlechtert. Dennoch beschließt die Konferenz eine Agenda, die dem Begriff der nachhaltigen Entwicklung verhaftet bleibt. Doch sie soll erweitert werden. Man strebt nun ein Gleichgewicht an von ökologischen, sozialen und ökonomischen Zielen. Das neue Zauberwort heißt nun „grüne Wirtschaft". Man hofft, dies durch sukzessiven Ersatz von fossilen Energien durch erneuerbare Energien und von endlichen Rohstoffen durch erneuerbare Rohstoffe erreichen zu können.

Umweltexperten üben harte Kritik. Sie bemängeln im UNO-Dokument von Rio +20 die völlige Abwesenheit einer neuen Vision oder einer neuen Weltanschauung, die Grund zur Hoffnung gäbe auf eine „Zukunft, die wir wollen", wie das Motto der Konferenz lautet. Es hält weiterhin fest am Begriff der nachhaltigen Entwicklung, die nun zwar einen grünen Anstrich bekommt, in Wahrheit aber kläglich gescheitert ist. Die wesentlichen Elemente, die das Leben aufrechterhalten, haben sich verschlechtert. Das hat schon die Evaluation des Ökosystems der UNO von 2005 ergeben und wurde im kürzlich erschienenen UNEP-Bericht (Umweltprogramm der Vereinten Nationen) bestätigt.

Michail Gorbatschow, der schon zu den schärfsten Kritikern von Rio 92 gehörte, sagt dazu: „Das aktuelle Modell des Wirtschaftswachstums ist unhaltbar; es verursacht Krisen, soziale Ungerechtigkeit und birgt die Gefahr einer Umweltkatastrophe." (O Globo 8/6/2012). Schon nach Rio 92 suchte Gorbatschow nach Alternativen. Mit einer Expertenkommission bereitete er die sogenannte „Earth Charta" vor, die dann in einem langen, weltweiten, interkulturellen Dialog erarbeitet wurde – mit gemeinsamen Zielen und Werten. Sie ist gleichermaßen das Werk von Experten wie von Vertretern von Bürgerinitiativen, darunter auch Religionsführer und Theologen. Diesen hatten den Auftrag, „für Spiritualität zu sorgen, denn ohne Spiritualität taugt das Papier nicht". Gorbatschow betonte immer wieder: „Wenn wir die Erde an die kommenden Generationen als bewohnbare Erde übergeben wollen, müssen wir uns alle bekehren. Man bekehrt sich jedoch nur, wenn man Spiritualität hat." (Quelle: Leonardo Boff, den Gorbatschow persönlich berufen hat).

Wer, wenn nicht franziskanische Menschen, wären berufen, einen solchen Dienst zu leisten. Menschen, die sich auf die Spiritualität des Franz von Assisi berufen, sollten in dieser ganzheitlichen Haltung leben. Die ganze Welt ist Gottes Schöpfung, Mensch und Kosmos gehören zusammen. Unsere Mutter Erde, Luft und Wasser, Pflanzen und Tiere, alle lebenden Wesen sind geschwisterlich mit uns verbunden. Und sie sind nach Paulus mit-erlöste Geschöpfe, die „von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden" (vgl. Röm. 8,21). Wir brauchen wahrlich eine solche Schöpfungsspiritualität, um der weiteren Zerstörung der Schöpfung Einhalt zu gebieten.

Eine Grundhaltung für ökologisches Verhalten ist die Solidarität. Sie bezieht sich auch auf die kommenden Generationen, ausgedrückt in dem weit verbreiteten Wort: "Wir haben unsere Erde nicht von unseren Eltern geerbt, sondern von unseren Kindern geliehen". Im franziskanischen Geist müssen wir sie Gott "zurückgeben", damit er sie auch den Menschen der Zukunft als Lebensraum zur Verfügung stellen kann. Wer solche Grundhaltungen einübt, findet von innen heraus immer wieder Wege, kleine, aber wirksame Schritte zu tun für die Erhaltung der Schöpfung. Ökologische Gruppierungen sollten deshalb in den Franziskanerinnen und Franziskanern zuverlässige Bündnispartner finden. Ob aus religiösen oder auch philosophischen Motiven können Menschen gemeinsam ein prophetisches Zeugnis ablegen für die Dringlichkeit einer ökologischen Wende. So kann der lebensfreundliche Geist des heiligen Franziskus wirksam werden bei der Lösung einer der wichtigsten Aufgaben der heutigen Menschheit.

Andreas Müller OFM
 

 

Ökologie – die fehlende Perspektive auf dem 2. Vatikanischen Konzil

Anton Rotzetter, Kapuziner

Was war das doch für ein Versprechen! Die ersten Sätze des Konzilsdokumentes „Gaudium et Spes": „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände".

Aber wo sind denn in diesem Dokument die Ängste, die uns heute beschäftigen? Die Klimaerwärmung und was man dagegen tun sollte? Die apokalyptischen Perspektiven, dass die weitere Entwicklung der irdischen Geschichte möglicherweise den Menschen entsorgt, weil wir Menschen auf zu hohem Fuß leben? Nichts sagt so deutlich, dass das Konzil weiterentwickelt werden muss, wie dieses Fehlen des ökologischen Bewusstseins.

Der heutige Kardinal Koch schreibt 1989 ein Buch „wider die Apartheid zwischen Mensch und Natur" und spricht von einem „ökopolitischen Hirtenamt des Menschen". Klar weist er den Weg: „Praktisch handhabbar und politisch praktikabel wird diese öko-spirituelle Grundforderung aber nur dadurch, dass im Konfliktfall stets dem ökologischen Erhaltungsinteresse der Vorrang vor dem ökonomischen Steigerungsinteresse zugesprochen wird." Aber nicht einmal diese ethische Forderung leitet die heutige Politik.

Und selbst in der Kirche bleiben die Konsequenzen konfus. Doch die Zeit drängt: Armut, Hunger und immer wieder Ernährungskrisen in vielen Ländern des Südens; Ressourcenknappheit, die Tatsache, dass unser konsumistischer Lebensstil dreimal unsere Erdoberfläche verbraucht, wenn alle Menschen der Erde so leben können sollten wie wir; die Verarmung breiter Bevölkerungsschichten auch bei uns; die existenzbedrohende Krise des weltweiten Finanzsystems; die falschverstandene Globalisierung, bei der Gruppenegoismen dazu führen, dass wenige sich bereichern zu Lasten der Mehrheit; die Probleme des gesamten Ökosystems, besonders die apokalyptischen Aussichten, die mit der Erderwärmung zu tun haben; die Verkommerzialisierung aller Lebensbereiche; die Art, wie wir mit den Tieren umgehen: die offensichtliche Grausamkeit, die die meisten Menschen gleichgültig zur Kenntnis nehmen, obwohl praktisch jede Woche mehrere Fernsehfilme diese Grausamkeit offenlegen; dies und vieles andere führt zum kategorischen Imperativ, das heisst zur unausweichlichen Forderung:

• Wir müssen unseren Lebensstil radikal ändern!

• Wir müssen anders umgehen mit den Gütern der Natur und mit den Tieren!

Die Kirchen müssen von ihrer Sendung her auf die geschilderten Herausforderungen Antwort geben! Sie müssen in Wort und Tat dem kategorischen Imperativ folgen! Und die Orden müssen gemessen werden dürfen am Anspruch, dem sie von ihren Ursprüngen her verpflichtet sind.

Es braucht heute, sagt Niko Paech, ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler eine „Kunst der Reduktion" und fügt hinzu: „Reich ist nicht, wer viel hat. Reich ist, wer wenig verbraucht».1)
Und es braucht heute, sagt Hartmut Rosa, Professor für Soziologie an der Universität Jena, eine neue Theorie des glückenden Lebens: „Der Neoliberalismus hat aus sich selbst heraus keinerlei kulturelle Ressourcen, um das aberwitzige, selbstzerstörerische Steigerungsspiel mit Motivationsenergie zu versorgen. Er tut so, als sei der immer härtere Wettbewerb eine naturgegebene Tatsache; aber er verfügt über keine Erzählung, kein Wertesystem, das ein Sehnsuchtsziel für das menschliche Handeln, eine Idee des gelingenden Lebens zu definieren vermöchte.»2)
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1) Publik-Forum 2012
2) Le monde diplomatique 2012
 

 


August/September 2012

Den Frauen sei Dank!

Die Erfolgsgeschichte des CCFMC über 30 Jahre hin verdanken wir zu einem großen Teil dem mutigen und kompetenten Engagement von Frauen in der weltweiten Franziskanischen Familie. Die Grundidee für eine Rückbesinnung auf das franziskanische Charisma und ihre Verheutigung im Lichte der „Zeichen der Zeit" wurde zwar von den Verantwortlichen des OFM Missionsrates auf den Weg gebracht, doch bald wurde allen klar, dass wir ein weltweites Projekt dieser Art gar nicht ohne die Einbeziehung aller Zweige der Franziskanischen Familie, insbesondere der großen Mehrheit der Frauengemeinschaften, starten und realisieren können. Den Anstoß dazu gab das II. Vatikanische Konzil mit seiner Aufforderung an die Orden, zu den eigenen Quellen zurückzukehren. Viele können sich heute gar nicht mehr vorstellen, was das damals bedeutete: das Ende alter Sichtweisen und Gewissheiten, eine offene Kirche zur Welt hin, Mission verstanden als Angebot der Reich-Gottes-Idee einer umfassenden Befreiung aus allen Unheilserfahrungen, Heil auch in nichtchristlichen Religionen. Das alles machte ein grundlegendes Überdenken unseres Missionsveständnisses notwendig.

In fast allen Gemeinschaften gab es Erneuerungskapitel; die regulierten Gemeinschaften des Dritten Ordens schlossen sich 1982 zusammen in der „Internationalen franziskanischen Konferenz" (IFC-TOR); im gleichen Jahr trafen sich erstmals in der Geschichte Brüder und Schwestern der franziskanischen Ordensgemeinschaften, um gemeinsam aus der Perspektive der Dritten Welt unsere missionarische Sendung zu überdenken. Dabei haben wir die frohe und hoffnungsvolle, geradezu jugendliche Offenheit gespürt, mit der Schwestern und Brüder aus den Kontinenten des Südens die Herausforderungen überdachten, die die Gründerfiguren Franziskus und Klara für ihre Situation darstellen. Und just in dieser Aufbruchsstimmung beginnt mit dem CCFMC das kühne Projekt, in einem weltweit und interfranziskanisch erarbeiteten Grundkurs diese Strömungen und Bewegungen allen zugänglich zu machen.

Dabei haben die Frauen von allem Anfang an eine wesentliche Rolle gespielt, sowohl in der Phase der Entwicklung wie in der internationalen Verbreitung des Kurses. Dazu wurden Strukturen erstellt – zunächst auf Leitungsebene in Rom (1985), die später im Internationalen Leitungsteam zusammengefasst wurden (1987). Zu den großen Förderinnen gehörten in dieser Zeit Sr. Alma Default und Sr. Christiane Wittmers auf Leitungsebene, die Schwestern im „Interkulturellen Team", beim Erstellen von Grundlagentexten, im Redaktionsteam. Ganz besondere Erwähnung verdient die von 1984 – 1994 im CCFMC Sekretariat in Bonn tätige Sacré-Coeur-Schwester Malina Hoepfner.

Ohne ihr hochprofessionelles Wirken, ohne ihre vielfältigen Talente und ihr volles Engagement wäre die Erstellung und Verbreitung der Erstfassung des Kurses in so kurzer Zeit nicht gelungen. Sie ist vor Kurzem verstorben. Eine ausführliche Würdigung folgt auf S 4. Ihre Nachfolgerinnen als Generalsekretärinnen - Sr. Margarethe Mehren bis 2002 und Frau Patricia Hoffmann bis 2011, von da ab als Geschäftsführerin - ließen sich von ihrer Leidenschaft anstecken und wahrten ihr Erbe.
Auf kontinentaler und regionaler Ebene gilt diese Erfahrung noch viel mehr. Ohne den unermüdlichen und kompetenten Einsatz von engagierten Frauen wären wir Männer arm dran gewesen. Sr. Dorothy Ortega und Sr. Jeanne Luyun in Asien; Sr. Maria Aoko und Sr. Alphonsa Kiven in Afrika; Sr. Vilani Rocha, Sr. Maria Fachini und Frau Mabel Moyano in Lateinamerika; Sr. Judith Putz und Sr. Lydia Fecheta für Europa; Sr. Marietta Vega für die Klarissen und Frau Marianne Powell für den Dritten Orden seien nur stellvertretend genannt für viele Hunderte Schwestern in aller Welt, die mit dem CCFMC die franziskanische Idee zu einer tragenden Spiritualität in unserer Zeit gemacht haben.

Glaubwürdig kann ein solches Projekt nur gelingen im partnerschaftlichen Miteinander von Männern und Frauen. Franziskus und Klara haben das vorbildlich gelebt. „Vermutlich schlicht deshalb, weil sie bei sich selbst und im anderen - bzw. in der anderen - erkannt haben, dass Gottes Geist Wirkung zeigen wollte. Weil sie Respekt und Neugier gleichermaßen aufgebracht haben auf der Suche nach der je eigenen Berufung", schreibt Frau Kreidler-Kos in ihrem Konzilsimpuls auf den folgenden Seiten. Wenn wir heute dazu wieder den Mut aufbringen, können wir der Kirche wirklich helfen auf dem Weg zu einer geschwisterlichen Kirche.

Andreas Müller OFM

 

„Ein und derselbe Geist hat Schwestern und Brüder bewegt"

Das Volk Gottes als geschwisterliche Kirche

Martina Kreidler-Kos

Was für eine Chance haben Franziskus und seine ersten Brüder bekommen: Mit Klara und ihren Schwestern sind ihnen Frauen begegnet, die sich ihrer eigenen Berufung bewusst gewesen sind. Die Frauen ihrerseits trafen auf Männer, die einen Weg in der Nachfolge Christi ernsthaft und bescheiden suchten. Auf diese Weise konnten alle, wenn sie denn wollten, an- und voneinander lernen. Im auf-merksamen Beobachten, in liebevoller Wertschätzung und in staunender Anerkennung von Gottes geistvollem Handeln wagten sie Schritte, von denen wir heute vielerorts in der Kirche nur träumen können: Wechselseitige geistliche Begleitung, Leitungsverantwortung von Männern und Frauen, Freu-de an einer geschwisterlichen Form der Nachfolge Christi. „Ein und derselbe Geist hat Schwestern und Brüder bewegt", so bringt Thomas von Celano diese gemeinsame Erfahrung und Erkenntnis in seiner zweiten Lebensbeschreibung des Heiligen auf den Punkt (2 C 204).

Die Frauenfrage gehört heute, wie in den Jahren des II. Vatikanischen Konzils, zu den „großen Fragen der Zeit", auf die die Kirchenversammlung sensibel hören und beherzt reagieren wollte. Doch zu-nächst einmal eine ernüchternde Feststellung: Das Zweite Vatikanum war kein Konzil der Frauen, es war auch kein Konzil über Frauen, zunächst war es nicht einmal ein Konzil mit Frauen: Erst in der dritten Sitzungsperiode, im September 1964, wurden auch Frauen als Auditorinnen zugelassen - zu-nächst acht Ordensfrauen und sieben Alleinstehende als Präsidentinnen großer Frauenorganisationen. In der vierten Periode wurde erstmals eine Ehefrau gemeinsam mit ihrem Mann berufen. Dass es ne-ben den am Ende 23 Auditorinnen auch einige Besucherinnen gab, die für einen Tag unmittelbaren Anteil am Konzil nehmen durften, muss als großer Schritt gewürdigt werden. Anfang der 1960er Jahre war es noch unproblematisch, über die Erneuerung der ganzen Kirche ausschließlich unter Männern nachzudenken. Kein Wunder, war unter Pius IX. in seiner Enzyklika „Casti connubii" (1930) in Bezug auf alle frauenemanzipatorischen Bestrebungen noch zu lesen gewesen: „Diese falsche Freiheit und unnatürliche Gleichstellung mit dem Manne wird sich zum eigenen Verderben der Frau auswirken".

Unter Johannes XXIII., greifbar mit seiner Enzyklika „Pacem in terris" (1963), wurde eine Veränderung im kirchlichen Frauenbild sichtbar. Diese Wende hin zur Anerkennung der grundsätzlichen Gleich-wertigkeit und Gleichberechtigung aller Menschen, die in der Würde ihrer gemeinsamen Gotteskind-schaft gründet, hat das II. Vatikanum entschieden aufgegriffen. Und so war immerhin zum ersten Mal auf einem Konzil von der Frauenfrage die Rede. Das war neu, hoffnungsvoll und wegweisend: „Da alle Menschen eine geistige Seele haben und nach Gottes Bild geschaffen sind, da sie dieselbe Natur und denselben Ursprung haben, da sie, als von Christus Erlöste, sich derselben göttlichen Berufung und Bestimmung erfreuen, darum muss die grundlegende Gleichheit aller Menschen immer mehr zur Anerkennung gebracht werden. ... jede Form einer Diskriminierung in den gesellschaftlichen und kulturellen Grundrechten der Person, sei es wegen des Geschlechts oder der Rasse, der Farbe, der gesellschaftlichen Stellung, der Sprache oder der Religion, muss überwunden und beseitigt werden, da sie dem Plan Gottes widerspricht. (Gaudium et spes 29) Diese Bewusstseinsveränderung schlug sich auch in Bezug auf das kirchliche Leben nieder. Im Dekret über das Laienapostolat hält das Konzil fest: „Da heute die Frauen eine immer aktivere Funktion im ganzen Leben der Gesellschaft ausüben, ist es von großer Wichtigkeit, dass sie auch an den verschiedenen Bereichen des Apostolates der Kirche wachsenden Anteil nehmen" (Apostolicam actuositatem 9).

Die verschiedenen Dokumente des Konzils erinnern an den Grundauftrag der Kirche: In all ihren Vollzügen und mit allen Getauften soll, darf und muss sie ein lebendiges Zeugnis für das Evangelium sein. Dieser glühende Wunsch, gemeinsam in den Fußspuren Jesu zu leben, hat auch und gerade den franziskanisch-klarianischen Aufbruch beseelt. Glaubwürdig kann dies zu allen Zeiten nur in einem partnerschaftlichen Miteinander von Männern und Frauen gelingen. Es ist nicht zuletzt diese Erfahrung der Geschwisterlichkeit, um die wir heute ebenso ringen wie vor fünfzig Jahren. Doch auch Franziskus und Klara ist sie nicht einfach in den Schoß gefallen. Geschlechtsspezifische Unterschiede galten zu Beginn des 13. Jh. fraglos, Rollen waren klar definiert und verteilt. Klara etwa war auf Franziskus als männlichen Verbündeten angewiesen, um ihren eigenwilligen Weg zu gehen, Franziskus hingegen „brauchte" Klara keineswegs. Es ist ihr hoch anzurechnen, dass sie sich vom Frauenbild ihrer Zeit nicht hat einschüchtern lassen. Und es ist beeindruckend zu sehen, wie lernfähig Franziskus war. Vom Mut, den beide auf je eigene Weise brauchten, um die Erfahrungen der Andersartigkeit zwischen den Geschlechtern, den sozialen Bedingungen und den persönlichen Möglichkeiten auszuhalten und zu-gleich wertzuschätzen, einmal ganz abgesehen. Zu Beginn war dieses geschlechterübergreifende Ex-periment ein hohes Risiko. Und doch waren beide in der Lage, Grenzen zu überschreiten und Kli-schees zu überwinden. Vermutlich schlicht deshalb, weil sie bei sich selbst und im anderen - bzw. in der anderen - erkannt haben, dass Gottes Geist Wirkung zeigen wollte. Weil sie Respekt und Neugier gleichermaßen aufgebracht haben auf der Suche nach der je eigenen Berufung.

Diesen franziskanisch-klarianischen Mut, die Würde aller Getauften ernst zu nehmen, hat auch das Konzil bewiesen. Wessen es weiterhin bedarf ist eine konsequente Relektüre seiner wegweisenden Texte und eine ebensolch konsequente Umsetzung dieser vom Konzil festgehaltenen Leitlinie. Dafür wiederum braucht es vor allem eines: Menschen, die sich dieser Würde als Gabe und Aufgabe bewusst sind. Es braucht auch und gerade mutige Frauen, wie Klara, ihre Schwestern oder die Auditorinnen beim II. Vaticanum. Damit Frauen in der Kirche nicht bleiben, was sie zumindest auf dem Konzil noch waren: „Gäste in ihrem eigenen Haus" Und es braucht Netzwerke wie die Schwestern von San Damiano oder Prag im Zusammenspiel mit ihren Brüdern, die einander stützen und ermutigen auf diesem – gelegentlich immer noch abenteuerlichen - Weg hin zu einer geschwisterlichen Kirche: „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus (als Gewand) angelegt. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau, denn ihr seid eins in Christus." (Gal 3,27-28). Lassen wir uns von den franziskanischen Quellen, den Dokumenten des II. Vatikanums und nicht zuletzt vom Wort Gottes selbst immer wieder sagen: Es ist ein und derselbe Geist, der Männer und Frauen in dieser Kirche bewegt.
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Vgl. Carmel Elizabeth McEnroy, Guests in their own house. The women of Vatican II, New York 1996.

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Oktober 2012

Eine andere Spiritualität

Die geistliche Bewegung, die mit Franziskus und seinen Gefährten in Gang gekommen ist, markiert eine revolutionäre Wende in der Spiritualitätsgeschichte der Kirche. Nicht mehr Stabilität, sondern Mobilität. Nicht mehr die geschlossene Welt hinter Klostermauern, sondern die Welt als Kloster, d.h. als Ort der Gottbegegnung. Die Jerusalemer Gemeinde war das Modell aller kirchlichen Gemeinschaf-ten in den ersten Jahrhunderten. Geschwisterliche Gemeinschaft und gemeinsame Kasse waren das Merkmal dieser Gemeinden. Der missionarische Impuls ging von diesen Gemeinschaften aus.
 
 
Das hat sich grundlegend geändert, als nach der konstantinischen Wende im 4. Jahrhundert unter Theodosius I. das Christentum zur Staatsreligion wurde. Christsein war nicht mehr gefährlich, sondern - im Gegenteil - die Voraussetzung, um etwas zu werden. Diese Leichtigkeit hatte zur Folge, dass Mit-telmäßigkeit und Oberflächlichkeit in die Kirche einzogen. Staat und Kirche wurden sich immer ähn-licher. Der Kaiser wurde zum Beschützer der Kirche und der Papst wetteiferte mit ihm in der Entfal-tung von Herrschafts- und Machinsignien. Menschen, die das ursprüngliche Ideal leben wollten, blieb also nur übrig, sich in kleinen Gemeinschaften zusammenzutun, um nach dem Muster der ersten Diö-zesen zu leben, wie Johannes Lassian im 4. Jahrhundert bemerkte. Es ist das Modell der alten Mönchsgemeinschaften – mit den Grundpfeilern Stabilität und gemeinsame Kasse.
 
 
Das – so spürte Franziskus – war es nicht, was Gott ihm „geoffenbart" hatte. Nicht mehr die fest gefüg-te Gemeinschaft war ihm Vorbild, sondern Jesus selbst. Wie Er will er durch die Welt ziehen und den Armen die Frohe Botschaft vom kommenden Reich Gottes verkünden. Denn wer sich ganz auf Jesus und sein Evangelium einlässt, wird selber zum Missionar; der kann nicht für sich selber leben, sondern muss sich für andere verzehren, war er überzeugt. Also nicht mehr private Frömmigkeit und Sorge für das eigene Seelenheil, sondern Einsatz für den umfassenden Shalom Gottes. Wer wirklich Frieden schaffen will, kann das nur, wenn er Frieden im Herzen hat. Wer den Armen die Botschaft Jesu als eine befreiende Botschaft glaubhaft verkünden will, muss selber arm sein. Wer sich dieser Botschaft für die Armen ganz verpflichten will, darf sich nicht an feste Orte binden, sondern muss mit leichtem Gepäck durch die Lande ziehen können. Mobilität, Armut und Gewaltlosigkeit sind die Kennzeichen der Bruderschaften, die dieser Umpolung der christlichen Spiritualität entsprechen.
 
 
Daraus wird deutlich, dass das franziskanische Charisma immer auch eine politische Dimension hat. Das heißt, franziskanische Menschen müssen einstehen für Gerechtigkeit und Wahrheit, für ein ge-schwisterliches Miteinander aller Menschen in Frieden und Freiheit. Das beinhaltet zugleich, zu kämpfen gegen Chancenungleichheit, gegen Hunger und Armut, gegen den Missbrauch von Mutter Erde und Schwester Wasser.
 
Und schließlich hat Franziskus damit auch die Vorstellung von Kirche verändert. Sie muss geschwis-terliche Kirche sein, wenn sie dem Evangelium entsprechen will. Vom Papst bis zum einfachen Laien, vom Bischof bis zu den kleinen Leuten in den Gemeinden haben alle die gleiche Würde. Sie sind Söhne und Töchter des himmlischen Vaters, Brüder und Schwestern des menschgewordenen Sohnes, Jesus von Nazareth. Wie er sollen sie einander dienen und die Füße waschen. Da darf es nicht mehr oben und unten geben, nicht mehr Herren und Knechte. Da gilt auch nicht mehr die Logik der Macht, schon gar nicht in der Kirche, sondern einzig die Dynamik der Liebe. Und da gibt es auch nicht mehr den Vorrang der Kleriker vor den Laien, der Männer vor den Frauen.

Das Zweite Vatikanum, das die Kirche öffnen wollte für die Nöte und Erfordernisse der Zeit, ist seiner Spur gefolgt. Mario von Galli nannte den hl. Franz deshalb das heimliche Thema dieses Konzils. Denn es überwindet den Gegensatz von Hierarchie und Volk Gottes in seiner Auffassung von einer Kirche des Volkes Gottes, das als Ganzes ein messianisches Volk ist und in dem die Hierarchie nur eines von vielen Dienstämtern wahrnimmt. „Das Geheimnis dieser Kirche wird bereits in ihrer Gründung offen-bar. Denn ihr Anfang liegt in der Verkündigung des Reiches Gottes durch Jesus. Er, der Herr Jesus, machte den Anfang mit seiner Kirche, indem er die frohe Botschaft verkündigte, die Ankunft nämlich des Reiches Gottes, das von alters her in den Schriften verheißen war." (LG 5) Allen Gliedern einer so verstandenen Kirche eignen die Würde und die Freiheit der Kinder Gottes, in deren Herzen der Hl. Geist wie in einem Tempel wohnt. Franziskus hat das erkannt und exemplarisch gelebt, weil er ein-fach den Fußspuren Jesu nachgegangen ist. Dass Klara zur selben Zeit und am selben Ort die gleiche Inspiration hatte, zeigt nur, wie sehr Gott daran gelegen war, die befreiende Botschaft vom Reich Got-tes in seiner Kirche wieder erfahrbar zu machen.
 
 
Andreas Müller OFM
 

Die Laien, die Franziskaner und das II. Vatikanische Konzil

Dr. Mario Cayota OFS

Dr. Mario Cayota ist 1936 in Uruguay geboren, gehört dem franziskanischen Weltorden an; ist Direktor des franziskanischen Zentrums für historische Dokumentation, war Präsident der christdemokratischen Partei und Präsident des Parlaments. Professor der Philosophie und Geschichte an nationalen und inter-nationalen Universitäten, Autor mehrerer Bücher zur franziskanischen Geschichte in Lateinamerika. Von 2006 – 2011 war er Botschafter Uruguays beim Vatikan.

Die franziskanische Spiritualität ist mit den theologischen und seelsorgerischen Positionen, die vom II. Vatikanischen Konzil entwickelt wurden, nicht nur verwandt sondern sie stimmt mit ihnen überein. Bekanntlich waren die Franziskaner am Anfang eine Laienbewegung. Die Mitglieder der franziskanischen Bewegung orientierten sich in ihrer Lebensweise am Beispiel der weltlichen Büßer. Es gab keine Priester unter ihnen, sie hatten weder Klöster noch Konvente, es gab keine Klausur, sie kleideten sich in der Art der Büßer. Sie trugen nicht das Habit der Ordensleute, und auch in ihrer Art zu beten oder zu predigen unterschieden sie sich von diesen. In ihrer Lebensweise unterschieden sie sich von den Mönchen und den normalen Kirchenvertretern, aber auch von den Priestern des säkularen Klerus. Das eindeutig laizistische Profil von Franziskus sollte für die Römische Kurie zum Problem werden, denn ohne sein Zutun machten sie ihn zum „Tonsurträger" oder „Diakon", obwohl manche Historiker Zweifel daran anmeldeten.

Nicht einmal nach dem Eintritt des Antonio von Padua (eigentlich von Lissabon) sowie nach dem gene-rellen Eintritt von Priestern werden bei den Brüdern gewisse, dem Laienleben eigene, Besonderheiten abgeschafft. So gab es beispielsweise in den Anfängen keine hierarchischen Unterschiede zwischen den Priestern und den nicht ordinierten Mitgliedern. Alle hatten die gleichen Rechte, sogar im Kapitel.

Selbst als im Ersten Orden die Klerikalisierung voranschritt, war die Laienkomponente im Orden trotzdem immer noch stark, denn die Angehörigen des Dritten Ordens bildeten einen wesentlichen Teil des Fran-ziskanerordens. Wenn man also die Ursprünge des Dritten Ordens untersucht, tritt klar zu Tage, welche Bedeutung und welchen Stellenwert die Laien für die Nachfolge Jesu und die Entwicklung der Kirche haben. Neue Untersuchungen zeigen, dass der Dritte Orden aus den machtvollen und zahlenmäßig star-ken laizistischen Bettlerbewegungen des Mittelalters hervorgegangen ist; das geht so weit, dass man die Wurzeln der beiden kaum zu unterscheiden vermag. Eins der wenigen eindeutigen Identitätsmerkmale ist vielleicht ihre Treue zur Römischen Kirche.

Die Franziskanische Bewegung befindet sich im Einklang mit den laizistischen Volksbewegungen, mit ihren Sorgen, mit ihren Reformwünschen; die Kraft dieser Bewegungen wird sehr groß. Nicht wenige von ihnen werden sogar von der Kirche anerkannt. Von denen, die Franziskus besonders nahe standen, seien beispielhaft erwähnt: Im Jahr 1201 erteilt Innozenz III. dem Dritten Orden der Erniedrigten die Anerken-nung; im Jahr 1208 den Armen Katholiken, in den Jahren 1210 und 1212 den Armen der Lombardei, und so fort.

Wie schon gesagt, wird 1201 das „Propositum" für die Erniedrigten verabschiedet; aber im Jahr 1221 bereits folgt die Anerkennung eines noch weiter entwickelten Statuts mit der Bezeichnung „Memoriale del Propositum die Fratelli e delle Sorelle Della Penitenza, residente nelle loro case" (= Regelwerk der Schwestern und Brüder der Bußbewegung). Zur gleichen Zeit tut sich Franziskus mit zahlreichen Laien, vor allem verheirateten, zusammen, die sich der Buße und dem Dienst am Herrn verpflichteten. Auf die-se Weise entstand der Dritte Orden. Die Regeln, nach denen die Mitglieder ihr Leben richteten, sind bis zur Zeit von Papst Nikolaus IV. (1289) im „Memoriale" festgeschrieben. Untersuchungen bestätigen, dass die Neue Regel von Papst Nikolaus IV. viele Elemente enthält, die auf das „Memoriale" zurückgehen. Es sei hier daran erinnert, dass dieses Regelwerk gilt, bis Papst Leo XIII 1883 ein Nachfolgewerk verkündet. Die engen Verbindungen mit den großen Laienbewegungen des Mittelalters – es wurde sogar das von einigen dieser Bewegungen verwendete „TAU" als Kennzeichen übernommen – zeigt die Fähigkeit der franziskanischen Bewegung, die Reform- und Erneuerungswünsche jener Zeit zu erspüren. Das II. Vatika-nische Konzil machte mit dem Dokument „Gaudium et Spes" deutlich und erlebbar, dass eine solche Sensibilität notwendig ist.

Es ist auch bekannt, dass den Laien nicht immer der Platz zuerkannt wurde, den sie in der Kirche ein-nehmen sollten. Unter den Laien hat es im Laufe der Geschichte immer einzelne Persönlichkeiten gege-ben, die in der Kirche eine besonders hervorragende Rolle spielten. Zu nennen sind beispielsweise Kar-dinal Contarini, Mitglied der humanistischen christlichen Bewegung des XVI. Jahrhunderts, oder Kardinal Antonelli, der als Staatssekretär von Pius IX. tätig war.

Papst Leo XIII. übertrug dem Dritten Franziskanischen Orden eine wichtige Aufgabe bei der Neugestal-tung der Gesellschaft; dies ist wahrscheinlich dem Einfluss des sozialen Handelns so bedeutender fran-ziskanischer Laien wie Federico Ozanán und León Harmel zu verdanken. Aber erst das II. Vatikanische Konzil wird den Laien wieder entdecken und in seiner Art tiefer erkennen, indem er diesem als Mitglied des Gottesvolkes eine positive Definition gibt; indem er ihm seinen wahren Platz zuweist und dabei seine authentische Berufung und seine Rechte anerkennt.

Im Kapitel II der Konstitution „Lumen Gentium", in dem es um das „Gottesvolk" geht, wird bereits ein bedeutender Schritt getan, wenn es unter Nummer 10 heißt: „das gemeinsame Priestertum der Gläubigen und das Priestertum des Dienstes oder des hierarchischen Priestertums sind einander zugeordnet. Das eine wie das andere nimmt auf besondere Weise am Priestertum Christi teil"; und unter der folgenden Nummer werden die Konsequenzen dieser Sichtweise auf der Leben der Kirche dargestellt. In Kapitel IV dieser Konstitution, das den Laien gewidmet ist – und das allein ist schon höchst bemerkenswert – wird auf die übliche negative Definition des Laien verzichtet (Laie ist, wer die heiligen Weihen nicht erhalten hat) und bietet eine positive Definition des Laien als Mitglied des Gottesvolkes; damit schreibt das Do-kument den Laien in der säkularen Welt eine spezifische Berufung zu, die er schon allein aufgrund seiner Eigenschaft als Getaufter sowohl in der Kirche als auch in den Strukturen der Gesellschaft zu erfüllen hat. Ebenso wie schon in den alten franziskanischen Schriften anerkennt das Konzil im Kapitel über die Laien unter Nummer 37 das Recht und in manchen Fällen die Pflicht der Laien, ihren Standpunkt zu denjenigen Angelegenheiten kundzutun, die mit dem Wohl der Kirche zu tun haben. Weiter heißt es dort, „die geweihten Priester sollen die Würde und Verantwortung der Laien in der Kirche anerkennen und fördern."

Das Vatikanische Konzil unterstreicht, dass zu den Laien ihr weltlicher Charakter gehört und dieser ihnen eigen ist; dass es den Laien aus eigenem Antrieb zusteht, das Reich Gottes in unserer Zeit zu leben und Fragen der Zeit zu behandeln und einzuordnen. Im Kapitel III des Konzilsdokuments „Gaudium et Spes", das vom wirtschaftlichen und sozialen Aspekt des Lebens handelt, sind klare seelsorgerische Richtlinien darüber enthalten, wie diese Aufgabe der Laien umgesetzt werden kann. Ebenso wie in der franziskani-schen Spiritualität wird auch in diesem Schriftstück deutlich Sorge um und für die Armen und Ausge-grenzten bekundet. Die Laien werden ermahnt, sich mit Nachdruck für soziale Gerechtigkeit einzuset-zen.

Einige bekannte Historiker der franziskanischen Bewegung vertreten die Auffassung, dass Franziskus und die ersten Schüler wenig Interesse für die sozialen Bedingungen ihrer Zeit hatten und ihre Motive und Ziele rein speiritueller Art gewesen seien. So sei beispielsweise ihre Armut nur rein „asketischen" Grün-den zuzuschreiben, einer „inneren Entäußerung". In allen Texten, in denen davon die Rede ist, dass ein Verzicht auf materielle Güter eine unausweichliche Bedingung für den Eintritt in den Orden ist, wird jedoch immer darauf gepocht, dass die Güter oder das aus ihrem Verkauf erzielte Geld den Armen gege-ben werden. Es soll weder an Verwandte oder Freunde und nicht einmal an die Kirche gegeben werden. Es wird auch nicht einfach darauf verzichtet ohne einen bestimmten Zweck festzulegen, sondern eindeu-tig erklärt, das Geld sei den Armen zu geben. Die „spirituelle Entäußerung", bei er es um innere Freiheit und die Nachfolge Jeu geht, wird immer in Verbindung gebracht mit der sozialen Lage der Nächsten. Es geht aber noch weiter: als ein Bruder dagegen opponiert, dass Franziskus einem Armen seine Decke gibt, antwortet der Heilige, dass es Raub wäre, wenn man sie nicht abgäbe. Die Aufmerksamkeit und Fürsorge von Franziskus für die Leprosen, die wirklich Ausgegrenzten jener Zeit, sind in diesem Zusammenhang ebenfalls ein sehr eindeutiges Zeugnis.

Viele Beispiele könnte man nennen, um deutlich zu machen, wie die Franziskaner mit der sozialen Situation ihrer Nächsten umgehen. Man kann es aber dabei bewenden lassen, sich einige der Normen zu vergegenwärtigen, die für den Weltlichen Dritten Orden gelten. Sie beweisen zweifelsfrei, dass eine der wichtigen Leitlinien der Bewegung die mittelalterliche Realität war und ist; punktgenau auf sehr konkrete Aspekte der aktuellen Lage zu reagieren. Den Mitgliedern des Weltlichen Dritten Ordens war es nicht erlaubt, einen Eid abzulegen, und das in einer Zeit, als der Eid zu den Grundlagen der mittelalterlichen Ständegesell-schaft gehörte. Zunächst war es den Mitgliedern des Weltlichen Dritten Ordens verboten, Waffen zu tragen. Es bestand auch die Verpflichtung, einen Beitrag zur „Gemeinschaftskasse" zu leisten, unter anderem auch, um damit Leibeigene zu befreien. Ferner mussten die Brüder drei Monate nach ihrem Eintritt in den Orden ihr Testament schreiben, um gewissen feudalen Normen jener Zeit zu entge-hen. Die Bruderschaft bestand zwar aus Mitgliedern verschiedener sozialer Klassen, schaffte jedoch die hierarchische Ordnung jener Zeit ab, weil sie dem Gleichheitsprinzip anhing. Viele weitere Anordnungen sind darauf gerichtet, zeitbezogene Probleme zu überwinden und Alternativen zu entwickeln. So wird auch im Dokument „Gaudium et Spes" das große Interesse für die sozialen Probleme sowie die nachdrückliche Verurteilung von Not und Ausgrenzung deutlich; und es wird nachdrücklich die Forde-rung erhoben, dass diese Missstände beseitig werden.
Das II. Vatikanische Konzil stellt zweifelsohne den Höhepunkt einer Entwicklung dar; aber ebenso und vor allem ist es ein Anfang. Die Definitionen und Konzepte über die Laien - Männer und Frauen -, die in den Konzilsdokumenten enthalten sind, haben eindeutig über das Heute hinausreichende Bedeutung. Die Verantwortung, von der auch die Laien nicht ausgenommen sind, besteht darin, diese Definitionen und Konzepte jetzt in die Praxis umzusetzen und sie mit Leben zu erfüllen, denn es besteht noch eine große Kluft zwischen diesen Dokumenten und der heutigen Realität.

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November 2012

Der ganz Andere

Das Faszinierende an Franziskus ist seine Fähigkeit, die Botschaft des Evangeliums für die kleinen Leute wieder als eine befreiende Botschaft zu entschlüsseln. Er passt damit eigentlich gar nicht in das Erscheinungsbild von Kirche und Gesellschaft seiner Zeit. Der arme Jesus von Nazareth war schon lange nicht mehr auf der Agenda der Prediger. Das vorherrschende Gottesbild um 1200 war der romanische Weltengott, wie er über dem Portal des Domes von San Rufino in Assisi thront. Was soll dieser mächtige Welten-Christus zu tun haben mit dem Alltagsleben der Menschen? Je mehr Jesus vergöttlicht wurde, desto mehr konnte man in der Kirche eine Verehrung praktizieren, die mit der konkreten Not der Menschen nicht mehr viel zu tun hatte. Im Blick war nur der erhöhte Jesus Christus, der den menschlichen Niederungen weit entrückt war. Franziskus dagegen hat in Jesus wieder den demütigen, sich selbst entäußernden Gott entdeckt, den Jesus von Nazareth, der aller menschlichen Not zugewandt war. Konkret begegnete er ihm im entstellten Gesicht der Leprosen. Von da an versuchte er einfach, es diesem demütigen und liebenden Jesus von Nazareth gleichzutun und sich den Armen und Ausgegrenzten zuzuwenden. Die Schritte Jesu tun - das war seine Vermittlung der befreienden Botschaft des Evangeliums.

Was davon können wir lernen und übernehmen, um mit unseren heutigen Problemen zu Rande zu kommen? Zunächst sollten wir ehrlich feststellen, dass wir die 800 Jahre von der Welt des Franziskus in unsere Welt nicht einfach überspringen können. Er lebte in einer selbstverständlich christlich geprägten Welt, in der die Kirche eine dominierende Rolle spielte. Diese in Frage zu stellen, kam niemandem in den Sinn. Wir dagegen leben in einer Welt, die – wenn überhaupt noch gläubig und werteorientiert – sich in einem Supermarkt der Religionen und spirituellen Angebote zurechtfinden muss. Seine Welt war überschaubar und von wohltuender Langsamkeit, so dass sich auch Neues in Ruhe entwickeln und festigen konnte. Wir dagegen leben in einem globalen Dorf, das in atemberaubender Schnelligkeit uns täglich fordert und überfordert. Für ihn hatten die Armen noch Namen und Gesicht, wir dagegen nehmen sie hauptsächlich wahr als das Millionenheer der Namenlosen und Ausgegrenzten.

Wie können wir diese Distanz überbrücken, wenn wir uns ernsthaft daran machen, herauszufinden, was denn heute aus seinem Leben beispielhaft und unverzichtbar bleibt? Franziskus hat weder ein Programm propagiert, noch einen Leitfaden christlichen Lebens verfasst. Das war auch nicht nötig, weil er beispielhaft lebte, was er sprach. Sein ganzes Leben war Sprache und seine Sprache war Leben. Er tut nur kund, was er lebt. Und deshalb konnte er auch sagen, man weiß nur, was man tut. Als hätte er den viel später von Gandhi gewählten Grundsatz schon vorweg genommen: der Weg ist das Ziel.

Wenn wir jeden Tag unbeirrbar leben, was wir sagen, brauchen wir kein geschriebenes Programm und keine Organisationsstrukturen, um dies durchzusetzen. Gelebter Glaube, das ist das Kennzeichnende an Franziskus. Und er lebte diesen Glauben in einer Zeit, in der Macht- und Herrschaftsgerangel zwischen Papst und Kaiser, zwischen Bischöfen und Bürgertum in den aufblühenden Städten im Gange waren. Doch er ließ sich davon nicht anstecken und verunsichern. Er ging seinen Weg und lebte sein qualitativ ganz anderes Leben in traumwandlerischer Sicherheit. Er glaubte und handelte danach. Leben nach dem Beispiel des armen Jesus von Nazareth, das war sein Programm.

So gab er der Bergpredigt wieder Leben: Für ihn sind deren Ratschläge nicht hehre und anspruchsvolle Weisungen, die man erst erklären muss, um sie lebbar zu machen; auch nicht spirituelle Überhöhungen, die für den Alltag nicht tauglich sind. Denn das war doch weithin die Vorstellung in einer bürgerlich genügsamen Religiosität. Für ihn gehören die Regeln der Bergpredigt zum Kern des Evangeliums; sie sind die Ratschläge eines die Menschen bedingungslos liebenden Gottes. Also liebte und lebte er sie – sine glossa – so überzeugend, dass es ansteckend wurde. Das war sein Programm, seine Predigt, sein Weg, der ganz anders war, als die Praxis der Kirche es vorgab. Das zu leben und in Erinnerung zu bringen, ist der bleibende Auftrag an uns, wenn wir der Frage nachgehen, was wir an franziskanischen Essentials in unsere Zeit retten müssen.

Andreas Müller OFM
 

Die säkulare Welt und die frohe Botschaft des Evangeliums

Prof. Dr. Udo Fr. Schmälzle OFM

Die Kirche hat sich in den ersten Jahrhunderten vor der konstantinischen Wende als zivilgesellschaftlicher Akteur aus den Katakomben heraus in der antiken Welt engagiert und ohne Gewalt der Botschaft des Evangeliums zum Durchbruch verholfen. Es dauerte jedoch nicht lange, bis sie mit der politischen Macht paktierte und in der Folge die Mittel politischer Macht in der Verbindung von Thron und Altar gegen Andersgläubige, Häretiker und Ketzer einsetzte; ja sich nicht einmal scheute, selbst zur Gewalt zu greifen und damit das Programm des Nazareners zu verraten. Dieser Verrat führte in der Geschichte immer wieder - sowohl inner- wie auch außerkirchlich - zu Reform- und Protestbewegungen. Die Freiheitsrechte, die einmal der „homo christianus" dem römischen Staat abgetrotzt hatte, wurden von diesen Bewegungen im Gegenzug von der Kirche eingefordert.

Erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil begann die katholische Kirche, sich ernsthaft mit der eigenen Gewaltgeschichte auseinanderzusetzen und sich endgültig in Lehre und Praxis in der modernen Gesellschaft neu zu positionieren. Dabei fällt jedoch auf, dass in den vergangenen Jahrhunderten innerhalb der katholischen Kirche immer wieder Reformbewegungen aufgekommen waren, in denen Christinnen und Christen sich an den Prinzipien des Evangeliums orientierten und damit auch die Grundlagen für die Reformen des Zweiten Vatikanum gelegt haben. 50 Jahre nach der Eröffnung des Konzils ist es an der Zeit, solche Zusammenhänge und Querverbindungen aufzuzeigen und all denen Mut zu machen, die an der zögerlichen Umsetzung des Konzils in vielen Bereichen leiden und dabei sind, innerlich aus der Kirche zu emigrieren. Solche Zusammenhänge möchte ich an einigen Beispielen aus der franziskanischen Tradition aufzeigen.

1. Kirche und Welt – Kleriker und Laien

Seit dem Investiturstreit und der Beilegung des Machtkampfes zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt im Wormser Konkordat 1122 dominierte in Kirche und Theologie ein Kirchen- und Weltverständnis, in dem klar zwischen einer weltlichen und geistlichen Ordnung, sowie zwischen zwei Arten von Christinnen und Christen in der Kirche unterschieden wurde. Das Decretum Gratiani (III c, 12) aus dem Jahr 1142 stellt klar: „Es gibt zwei Arten von Christen (...) Die eine Art muss von allem weltlichen Lärm frei sein, wie die Kleriker und Gottgeweihten". Während bereits Franz von Assisi in seiner Regel diese Trennung zwischen Klerikern und Laien zu überwinden suchte und die Brüder mit der Botschaft des Evangeliums mitten hinein in den weltlichen Lärm der damaligen Städte schickte, prägten solche Dichotomien weiter das Selbstverständnis und pastorale Handeln der Kirche bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Selbst innerhalb der franziskanischen Gemeinschaften sind wir in verschiedenen Phasen der Geschichte mit einem Abrücken von den ursprünglichen Intentionen des Ordensgründers konfrontiert.

Das „Dekret über das Apostolat der Laien" (AA) spricht zwar immer noch von einer „geistlichen" und „weltlichen Ordnung", stellt jedoch fest: „Beide Ordnungen (...) sind in dem einzigen Plan Gottes so verbunden, dass Gott selbst in Christus die ganze Welt als neue Schöpfung wieder aufnehmen will, im Keim hier auf Erden, vollendet am Ende der Tage. In beiden Ordnungen muss sich der Laie, der zugleich Christ ist und Bürger dieser Welt, unablässig von dem einen christlichen Gewissen leiten lassen" (AA5). Das Konzil anerkennt damit die Autonomie der Gewissensentscheidung von Laien. Mehr noch: Sie haben durch die Taufe teil „am priesterlichen, prophetischen und königlichen Amt Christi" (LG 31) und damit die Kompetenz, Gewissensentscheidungen zu treffen. Auch damit bestätigt das Konzil im Nachhinein das Selbstverständnis und Lebenskonzept des Franz von Assisi, der in seinem Testament sich mit seinen Entscheidungen unmittelbar auf seine Beziehung zu seinem „Herrn" berufen hat: „So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Buße zu beginnen: Denn als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen" (Nr.1). Was die späteren Reformatoren für sich in Anspruch nahmen, hat Franz von Assisi in seiner eigenen Spiritualität innerhalb der Kirche schon gelebt.

2. Demokratie, Gewissensfreiheit und Gewaltverzicht

Mit der „Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute" (GS) hat sich die Kirche von der traditionellen Übertragung ihrer innerkirchlichen hierarchischen Struktur „auf die Struktur der weltlichen (staatlichen) Autorität" verabschiedet. Papst Leo XIII. sprach noch vom christlichen Staat (damit war natürlich der katholische Glaubensstaat gemeint), der in der Pflicht steht, die katholische Religion zu schützen. Er „fördert daher die katholische Kirche und verteidigt sie gegen das Eindringen anderer religiöser Bekenntnisse, erst recht gegen areligiöse Weltanschauungen", getreu dem bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil in der katholischen Kirche geltenden Axiom für Politik und kirchliche Praxis: „Die Wahrheit hat alle Rechte, der Irrtum hat kein Recht".

Von diesem Gewaltprinzip, das selbst Thomas von Aquin noch verteidigte, setzt sich bereits Franz von Assisi ab. Er erlebte, wie Papst Innozenz III. in seiner Kreuzzugenzyklika 1213 den Propheten Mohamed als „Sohn des Verderbens" bezeichnete und den Islam mit dem apokalyptischen Tier verglich. Sechs Jahre später (1219) machte er sich auf den Weg ins Heilige Land und nach Ägypten und durchquerte zu Fuß und ohne Waffen – unter ständiger Todesgefahr – die feindlichen Linien, um mit dem Sultan Al Malik zu sprechen und Frieden zwischen Muslimen und Christen zu stiften. Der Sultan ließ Franziskus und seine Brüder nicht hinrichten. Er „bat ihn insgeheim, für ihn zum Herrn zu beten, damit er auf göttliche Erleuchtung hin derjenigen Religion anhangen könne, die Gott mehr gefalle" (Jakob von Vitry 1220). Bis zum Ende seines Lebens war Franziskus als Friedensstifter unterwegs, um dann im Sonnengesang jene „selig" zu preisen, die in der „Drangsal" nicht Gewalt mit Gewalt beantworten, sondern den Frieden suchen. Dazu kommt, dass er in der Ordensregel das Zusammenleben in der Bruderschaft demokratisch organisierte. Dieses egalitäre Prinzip verankert er in der Pneumatologie. Jeder Mitbruder partizipiert am Wirken des Heiligen Geistes und hat damit Anteil am Lehr-, Priester- und Prophetenamt Jesu Christi. Bereits im Mittelalter kopierten italienische Städte dieses Demokratieprinzip für ihre Verfassungen. Es hat lange gebraucht, bis die Kirche unter dem Druck der Politik diese Prinzipien in ihre Lehre integrierte; bis heute Jedoch tut sich mit ihrer Anerkennung noch schwer.

„Die politische Gemeinschaft und die Kirche sind auf je ihrem Gebiet voneinander unabhängig und autonom. Beide aber dienen, wenn auch in verschiedener Begründung, der persönlichen und gesellschaftlichen Berufung der gleichen Menschen. Diesen Dienst können beide zum Wohle aller umso wirksamer leisten, je mehr und besser sie rechtes Zusammenwirken miteinander pflegen" (GS Art. 76). Damit orientiert sich ein Konzil der Kirche zum ersten Mal an den Menschenrechten und am Gemeinwohl der Bürger und Bürgerinnen in einer prinzipiell plural verfassten Gesellschaft. Mit Blick auf diesen Paradigmenwechsel im Selbstverständnis der Kirche zum Staat und mit Blick auf das klare Bekenntnis der Kirche zur Sorge um das soziale Wohl aller Bürger stellte Nell-Breuning bereits fest: „Das Konzil hat einen Wechsel ausgestellt; er muss jetzt eingelöst werden!" Niemand in der Kirche hat wohl damit gerechnet, wie schnell dieser „Wechsel" bereits dreißig Jahre nach dem Konzil von der Kirche in der Auseinandersetzung um die Befreiungstheologie und um die Schwangerschaftskonfliktberatung einzulösen war.

3. „Trauer und Angst der Menschen (...) sind auch Trauer und Angst der Jünger Christi" (GS 1)

Bereits in den Auseinandersetzungen um die befreiungstheologische Option für die Armen - mit ihrer klaren sozialpolitischen Frontstellung gegenüber der von Teilen des lateinamerikanischen Episkopats und dem CIA der USA unterstützten Oligarchie in den Militärdiktaturen Latein- und Mittelamerikas - ging es um den vom Konzil und den Sozialenzykliken vollzogenen Bruch mit dem traditionellen „Bündnis zwischen Thron und Altar". Schon das Konzil distanzierte sich von der politisch mächtigen und reichen Oberschicht in den Militärdiktaturen und öffnete den Blick – viele Bischöfe beschreiben diesen Paradigmenwechsel später als Bekehrung – für die „breiten Bevölkerungsschichten, den Benachteiligten, den Unterdrückten und Ausgebeuteten". Mit diesen Entscheidungen fordert das Konzil die verschiedenen Teilkirchen dazu auf, sich in den unterschiedlichen machtpolitischen Koordinatensystemen vor Ort neu zu positionieren und die zivilgesellschaftlichen Reformbewegungen zu unterstützen.

Diese Aktivitäten der lateinamerikanischen Bischofskonferenz wurden von vielen Bischöfen, die aus der franziskanischen Familie kamen, auf breiter Ebene unterstützt. Mit der „Option für die Armen", die ganz entscheidend die Stellungnahmen des Konzils in „Gaudium et spes" bestimmte, knüpften die Konzilsväter sowohl an die Traditionen der Bettelorden im Mittelalter, aber auch an die zahlreichen von Franziskanerinnen getragenen Aktivitäten in den Vinzenz- und Elisabethenvereinen an, die sich schon lange vor dem Konzil zum Anwalt der Armen und Bedrängten gemacht hatten.

Franz von Assisi hat damit vielen Entscheidungen des Zweiten Vatikanum vorausgegriffen. Er konnte dies, weil er sich radikal an der Botschaft des Evangeliums orientierte und diese Botschaft orthopraktisch zum Prinzip des eigenen Handelns gemacht hat. Dazu kommt sein festes Vertrauen auf das Wirken des Heiligen Geistes in jedem Mitbruder. Er hat damit ein wunderbares Beispiel dafür gegeben, wie unsere Welt mit ihren Herausforderungen, Konflikten und ökologischen Risiken aus der Sicht des Evangeliums leben und sie bewältigen kann.
 
 
 

Dezember 2012

Zum Abschluss unserer Reihe "50 Jahre II. Vatikanisches Konzil"  bringen wir einen Vortrag
von Prof Dr. Elamr Klinger (sie auch Beitrag von Januar 2012):

„Ein Sprung nach vorn".

Die Eröffnungsrede von Papst Johannes XXIII.
– das Programm des Zweiten Vatikanischen Konzils.

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